17 Variationen auf ein Anthropologisches Thema

1.

Was ist ein Individuum – in einer Warteschlange? Was ist ein Individuum im Regen? Was ist ein Individuum in einer Mietskaserne? Fragen über Fragen, die nun seit über hundert Jahren die Gesellschaften Osteuropas, gefangen zwischen Frühkapitalismus und Spätsozialismus, in Schach hielten und mancherorts immer noch halten. Dostojewskis Arme Leute dämmern scheinbar seit Ewigkeiten am ethischen Nullpunkt dahin. Das Arbeitstier Mensch, im Orwell-Staat wird es auf seine nackten Reflexe reduziert.
Modell für diese Art Leben, Verhalten, Wünschen, Sprechen, so legt eine sarkastische Reduktion nahe, ist der Pawlowsche Hund im Gestell. Es scheint so, als sei jedes einzelne Wort des unter utopischem Verschluss gehaltenen Menschen durch Pawlows Speicheltrichter gesickert. Wie verhalten sich Menschen, deren Intimsphäre auf die imaginären Freiräume des Schlafs reduziert wurde?
Aufweicher Stufe der anthropologischen Evolution stehen die Gesellschaften des Ostens? Mehrere Aspekte: im Gegensatz zum bürgerlichen Sprechen hält das Sprechen in den sozial eingeebneten, gleichgeschalteten Gesellschaften kaum noch Unterscheidungs-merkmale bereit. Sowjetische Intellektuelle sprachen schon Mitte der 70er Jahre von der Mutation einer ganzen Bevölkerung.
Gemeint war der unmerkliche Schwund aller individuellen Freiräume unterm Verdikt von Realexistenz, das zwanghafte Aufeinander-verwiesensein, der soziale Kurzschluss unterm Diktat von Notstand und Mangel. Ilya Kabakow, einer der Meister der Inoffiziellen Sowjetischen Kunst, sagt: „Ja, unser Leben ist so angefüllt mit leeren Worten und leeren Texten, daß im Grunde das Interessanteste dieses Rascheln der durchgeblätterten und weggeworfenen Blätter ist. Man macht sich üblicherweise lustig über dieses bürokratische Durchblättern von Papieren, aber in Wirklichkeit ist es das einzige, was real“ existiert.“
Unsere Frage: betrifft dies nur den homo sovieticus oder auch den Bewohner der ehemaligen Satellitenstaaten? Die Repression nach innen geschah mit Hinweis auf die feindliche Realität draußen. Die typische Denkfigur der Funktionäre: „Die Menschen sind noch nicht soweit…“.
Nach 70 Jahren, so die bittere These, läßt sich das richtige vom falschen Sprechen nicht mehr unterscheiden. Es gibt den archimedischen Punkt einer moralischen, ethischen oder politischen Wahrheit nicht. Alles Denken ist unter solchen Bedingungen, wie Josef Brodskij sagt, notgedrungen ein Zwiedenken, der naive Zynismus von Leuten, die jede Selbstverantwortung verloren haben an eine alles durchdringende organisierte Verantwortungslosigkeit. Historisch gesehen war das Auftauchen solcher Erscheinungen in der Menge neu. Doch erst jetzt, aus geringem Abstand, ist es möglich, sie mit dem Blick des Befremdens zu sehen.
Wo früher die Massen Akteure eines revolutionären Kultspiels waren, sind sie nach 70 Jahren nur noch Statisten des historischen Abgesangs, am Grund der Tatsachen angelangt, hoffnungslos.

2.

Anlaß für diese Überlegungen war ein gewöhnlicher Stoff in recht ungewöhnlicher Verarbeitung: der Roman „Die Schlange“ des Moskauer Soz-Art-Schriftstellers Wladimir Sorokin. 1985 im Samizdat in Paris erschienen, handelt es sich um den Versuch der fast photographisch genauen Wiedergabe langweiligster Vorgänge in einer Warteschlange. Der Banalität des Sujets steht die Tatsache gegenüber, daß sich im Buch nicht eine einzige beschreibende Passage findet. Alles wird ausschließlich durch die fortlaufende Rede verschiedener anonymer Stimmen erzählt. Wo keine Fabel erst aufkommt, kann Spannung nur durch das Verfolgen feinster stimmlicher Linien erzeugt werden. Vor dem Hintergrund eines unablässigen Plauderns, Schimpfens, Kommentierens, der immer wieder von Reflexen durchbrochenen Rede eines absurden Tausendfüßlers, wird die erschreckende Trivialität des Alltags sichtbar.
Der Autor, wie im Drama abwesend, führt selbst nur das rastlose Stenogramm dieser im Kleinlichen zappelnden Stimmen. Im äußersten Naturalismus seines Verfahrens zeichnet sich das Konzept einer postutopischen Wahrnehmung ab.

3.

Dieser Ansatz: Das Sprechen der vielen Namenlosen ist Musik. Ausgehend von dieser ästhetischen These beabsichtigen wir die Erstellung einer Partitur. Dabei wird Sorokins 270 Seiten starker Roman insgesamt als Material für eine quasimusikalische Bearbeitung angesehen. Unser hauptsächliches Formprinzip soll hier die Variation eines oder mehrerer Themen, wie sie innerhalb der Schlange immer wieder anklingen, sein. Der äußere Vorgang des Wartens soll nicht als Modell oder theatralisches Klischee behandelt werden, er ist vielmehr wie in der Oper das Sujet, um das herum die musikalischen Abläufe sich erst entfalten. Abgesehen davon, gibt er zugleich einer Arbeit mit Geräusch, Musikzitat und Lautmalerei Raum. So wie im Text in immer neuen Anspielungen sich die ethischen Elemente heillos verwirren, kann es im Effekt durchaus auch zu einer konzeptuellen Vermischung von U- und E-Musik, Geräuschen und Stille kommen.

4.

Insgesamt sind wir in der Beschäftigung mit diesem Stoff an einer Anthropologischen Sicht interessiert. Vorstudien haben uns bereits tief in Probleme der Verhaltensforschung hineingeführt. Wir sind davon überzeugt, daß Beschreibungsmodelle der menschlichen Psyche, wie sie sich in Nachfolge der Pawlowschen Experimente ergaben, dramaturgisch ergiebiger sind als das Paradigma Freuds, das im Theater zum Konzept der Einfühlung geführt hat. Hier sind es vor allem einzelne Motive des Behaviorismus (Watson, Skinner…), mit denen wir in gebotener Distanz operieren.
Von Pawlows Bedingtem Reflex führt jedenfalls deutlich sichtbar eine Spur zu verschiedenen verhaltensbiologischen Schulen aus heutiger Zeit, u.a. zur modernen Lerntheorie. Andererseits gab es früh schon eindeutige Beziehungen zwischen Verhaltensforschung und Totalitarismus, wie Lenins Interesse für Pawlow beweist. Der Tayhrismw als Methode absoluter Effizienz im Arbeitsprozess zehrt genauso davon wie in den 20er Jahren die Studien zur Psychotechnik in verschiedenen Industrieländern. Pawlows Reflextheorie wurde schon 1924 von seinem Schüler Bechterew zum wissenschaftlichen Zweig einer Kollektiven Reflexologie erweitert. Gedacht war hier, streng positivistisch, an eine Auflösung des Individuums in das Tableau seiner Reflexe.
Schon Meyerhold, einer unserer theaterästhetischen Gewährsmänner, hat sich seinerzeit mit der sog. Biomechanik als Modell für die Figurenführung auf der Bühne befaßt. Indem wir vorsichtig da wieder ansetzen, wo eine einseitig an Innerlichkeit (und ihrer Manipulation) interessierte Theatertradition gewaltsam die Regie übernahm, suchen wir nach einer Verbindung von Analyse und Spiel. Im Geist einer konzeptuellen Kunst stellt sich die Frage nach der gesellschaftlichen Misere in Osteuropa an die bisherige Moderne neu.

Carsten Ludwig, Durs Grünbein