Rußland geht jetzt wieder schlafen 

RÜDIGER SCHAPER / Süddeutsche Zeitung / 23. September. 1994

Rußland geht jetzt wieder schlafen 

Moskau, Dachau, Berlin: Eine Begegnung mit dem Schriftsteller Wladimir Sorokin

Ist Wladimir Sorokin ein »grausames Talent“? So hat ihn Boris Groys in dem berühmten Essay „Gesamtkunstwerk Stalin“ – die gespaltene Kultur in der Sowjetunion‘ präsentiert Oder ist er womöglich ein realistischer Schriftsteller, wie der stellvertretende russische Kulturminister Konstantin Tscherbakow kürzlich bei einem Pressegespräch der Berliner Festwochen feststellte? Soroldns Literatur, lobte der Moskauer Bürokrat, gebe Geschmack, Geruch und Farbe des Lebens in Rußland wider. Und ihre.manchmal schockierende ‚Wirkung beruhe einfach auf der Tatsache, daß das Leben in Rußland eben seine schockierenden Seiten hat. Nicht schockierend, doch ziemlich verblüffend: 

Der Kulturphilosoph und der Ministerielle liegen in ihrer Einschätzung des aus dem Moskauer Poeten-Underground stammenden Ästheten nicht mehr weit auseinander.

Avantgarde und Alltag berühren sich -der Traum, der Alptraum eines Künstlers. Und das hat ja in der russisch-sowjetischen Geschichte eine gewisse Tradition. Den Sprachjongleur Sorokin fasziniert das Problem des psychischen Überlebens in einer Gesellschaft, in der Gewalt und Repression zur Lebensnorm geworden sind; also das Phänomen der Camouflage.

Der 1983 entstandene Roman »Die Schlange* komponiert Dialogfetzen von Wartenden, die Tag und Nacht vor einem Laden anstehen. Eine sozialistische Großstadt-Kakophonie, ein absurder Hymnus auf die Vergeblichkeit.

Humoresken von sadistischer Brillanz sind in dem Band »Der Obelisk* versammelt. Man könnte meinen, da watet ein neuer Gogol durch Sümpfe von Blut, Fäkalien und Schnaps. Einen vorläufigen Höhepunkt hat Sorokins orgiastisch-maliziöser Spieltrieb in dem 1993 erschienenen Mafia-Roman 

»Die Herzen der Vier“ erreicht. Charles Bukowski wirkt dagegen wie ein Waisenknabe. Und was wir immer ahnten: Im Osten ist es wilder als im Westen.

Wen wundert es da noch, daß seine Bücher zu Hause lange Zeit ungedruckt blieben. Setzer sollen sich geweigert haben seine Manuskripte zu bearbeiten. Sorokin konnte nur in Frankreich und im deutsch-sprachigen Raum – besonders der Haffmans ‚Verlag und der Übersetzer PeterUrban haben sich um ihn verdient gemacht – anständig publizieren, wenn auch zum Teil mit beträchtlicher Verzögerung. Die schiefe, zeitversetzte Rezeption führt zwangsläufig zu Mißverständnissen. Man sieht ihn hierzulande gern als Lieferant von Hardcore-Stories und Horror-Szenarien aus dem zerfallenen sowjetischen Imperium, und bei Lesungen wird er immer wieder gefragt, warum er solche blutigen und schweren Texte schreibe? Die Frage ist naiv, aber nicht ganz unberechtigt.

Wenn man ihm gegenübersitzt, blickt man in sanfte, scheue Äugen. Sein von schwarzen Locken umrahmtes Gesicht hat etwas Feminines, was der Backenbart auf seltsame Weise unterstreicht. 

Er spricht stockend und leise. Man könnte sich den 1955 in Moskau geborenen Schriftsteller, der Petrochemie studiert, aber diesen Beruf nie ausgeübt hat, als allrussischen Mönch vorstellen, mit Brustkreuz und Kutte. Sorokin ist von mächtiger Statur, und wenn er nach dem Interview leicht gebückt davoneilt, um sich Trne Lies, den neuen Film mit Schwarzenegger, im Kino anzuschauen, wirkt es wie eine Pose, die er sich aufgezwungen hat. Familienvater ist er schließlich auch noch; und er mußte sich früher seinen Lebensunterhalt mit Buchillustrationen verdienen.

„Fahren Sie mal nach Rußland“, gibt er den besorgt-ungläubigen Westlern zur Antwort, denen es schwerfällt, Autor und Werk miteinander zu identifizieren. »Sie haben ja gar keinen Bezug zur Gewalt, zum Bösen. Für Sie ist es die größte Tragödie, wenn Sie keinen Parkplatz finden können.“ Ein nissischer Schriftsteller muß über Rußland reden. 

Sorokin sieht für sein riesenhaftes Heimatland nur zwei mögliche Aggregatzustände: Entweder befindet es sich im Tiefschlaf oder in einem unruhigen Wachzustand. Und für Sorokin geht die jüngste Wachphase, die er mit dem Stichwort Perestrojka charakterisiert, gerade wieder zu Ende. .Glauben Sie mir“, sagt er mit großem Ernst, .es wird in den nächsten zwanzig, dreißig Jahren keine weiteren Erschütterungen in Rußland geben.“ Und er fügt hinzu: .Der Totalitarismus ist eine exotische Blume, die selten blüht. Doch dann wirkt sie wie Doping für die Kunst.“ Sorokin plädiert dafür, den Totalitarismus einmal unter rein ästhetischen Gesichtspunkten zu untersuchen. Man würde viel gewinnen. 

Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer. Was aber erwächst aus den Monstrositäten, die im kollektiven Unbewußten schlummern? Mit der Erzählung „Ein Monat in Dachau“ hat Wladimir Sorokin die Grenze nach Westen überschritten. Das schmale Bändchen gleicht einem Geniestreich. Sorokin fingiert das Tagebuch eines russischen Schriftstellers, der sich freiwillig in die Folter-kammern des Konzentrationslagers begibt. Man schreibt das Jahr 1990: In Rußland herrscht ein stalinistisches Regime, in Deutschland sind die Nazis an der Macht geblieben. Die Weltordnung steht kopf – oder sind wir es, die in einer Illusion von Frieden und Demokratie leben?

Sorokin hat auf Einladung des Deutschen Akademischen Austauschdienstes ein Jahr im Westen gelebt. Er hat die Gedenkstätte in Dachau besucht und war von dem musealen, reinlichen Charakter des Ortes erschüttert. Seine Vision füllt die gräßliche Leere aus und strebt nach einer mio mystica mit den Toten – zugleich auch mit den Tätern. Es gehört zu den Eigenheiten dieses herausragenden Autor, daß seine Romane und Erzählungen ungemein filmisch-theatralisch wirken, während die Theaterstücke zum Untheatralischen, zum Monologisieren neigen. So wird er als Ideengeber auch immer bedeutender. Das Petersburger Maly Drama Theater hat sich für seine Anfang des Jahres in Paris urauf geführte „Clau-

strophobia“-Inszenierung Sorokinscher Texte bedient. Auf der Bonner Biennale gastierte die von Sorokin inspirierte „Schule der Russischen Anmaßung“. Und der Regisseur Dimiier Gotscheff bereitet für das Düsseldorfer Schauspielhaus eine Bühnenfassung der ,Dachau“-Erzählung vor. Das lag in der Luft.

Doch Vorsicht: Sorokin »haßt“ das Theater. Oder ist das eine von seinen zahlreichen Schutzbehauptungen? Zur Zeit arbeitet er an einem neuen Stück, es soll „Die Hochzeitsreise“ heißen; wieder eine Emigrantengeschichte. Und ein neuer Roman wird nächstes Jahr bei uns erscheinen, eine Idylle im Stil des 18. Jahrhunderts: Vierhundert Seiten ohne ein einziges Schimpfwort.