Aikona Boss 1987

saturday night at the palace

Paul Slabolepszy, deutsch von Peter Kleinschmidt

DDR-RINGERSTAUFFÜHRUNG
POETISCHES THEATER «LOUIS FÜRNBERG»
Leipzig 1987, Leitung: Dr. Peter Reichelt

„Paul Slabolepszy ist der Sohn eines Polen und einer Engländerin. Er wurde 1948 in England geboren, lebt aber seit seinem dritten Lebensjahr in Südafrika.
Nachdem er ein Hochschulstudium absolviert hatte, folgte er seiner eigentlichen Ambition und wurde Schauspieler. Sehr bald schon war er berühmt. Seit 1968 trat er in über 70 Produktionen auf und wurde mit Preisen geehrt. Wie der bekannteste südafrikanische Autor Athol Fugard ist Paul Slabolepszy Mitbegründer der Space Theatre Company und gegenwärtig als Schauspieler und Hausautor am Market Theatre in Johannesburg wirksam.
In seinem zu Beginn der achtziger Jahre entstandenen Stück „Aikona, Boss“ zeigt der Autor einen Ausschnitt des Lebens in dem terroristischen System seines Landes.
Fast kabinettstückartig findet vor dem Drive-in-Restaurant einer abgelegenen Gegend die Auseinandersetzung zwischen den drei Personen des Stückes statt: einem weißen Arbeitslosen, einem weißen Hilfsarbeiter und einem schwarzen Kellner…
Radikale Verweigerung oder rücksichtsvolle Anpassung?
Die beiden Weißen prallen in ihren Meinungen aufeinander. Gegen seinen Willen beziehen sie den Schwarzen in die Auseinandersetzung ein und lassen an ihm ihre Unzufriedenheiten aus.
Letztlich zeigt sich, daß selbst die Haltung der Verweigerung manipuliert ist, und es kommt zur Katastrophe.“

Spieler: Konrad Domann – Gerd-Harry Lybke- Thomas Seyde
Szenische Leitung & Organisation: Carsten Ludwig – Ute Pinkert – Kerstin Preysing – Katrin Schubert – Peter Thieme (Foto)

Text-Auszüge

Psst? Hey, Boss!
Hmmm?
Zigarette?
Nee, ich habe keine bei mir.
Nicht für mich, für Sie. Eine rauchen ……
Ich rauche nicht, bin Nichtraucher, klar?
Hengi khuluma ngendaba… Ich habe von
Sachen geredet, die der Brust gut tun und
Marihuana tut der Brust gut.
Quatsch keine Opern. Bist Du ein Zulu?
Yebo

Vince. Du mußt endlich der Wirklichkeit ins Auge sehen. Nimm ne Stellung an. Mann! Alles, was der Mensch braucht, sind ein paar belegte Brote und ein Kissen unter dem Kopf. Warum arbeitest du nicht mit mir im Krankenhaus?

Kaffernarbeit.

Die Arbeit ist nicht so schwer, besonders wenn du deinen Kopf benützt. Oberster Grundsatz, du mußt immer so tun, als ob du was Wichtiges machst. Das wirkt!

Lieber bleibe ich arbeitslos. Ich habe meinen Stolz… Oder willst Du damit sagen,
daß ich meine Miete nicht bezahle?

Ich habe gar nichts gesagt, Vince.

Du meinst, weil du Geld hast, bist du der Kaiser. Du bist wie diese alten Weiber in diesem Haus, mit deinen rosa Milchcoupons, deinen idiotischen Einkaufszetteln…Moneten hierfür, Moneten dafür. Das Leben ist zu kurz, um sich jeden Tag mit ner Krawatte zu strangulieren!

Ich weiß. Ich habe gerade gedacht…

Du denkst?
Ich habe gerade gedacht.
Du hast gedacht?
Ich habe gedacht.
Da dachtest?
Ich dachte.
Du denkst?
Ich habe gerade gedacht.

You can stay as you are for the rest tor your life.
Or you can blow your brains out.

brains out
brains out
brains out.

Begriffe:

Aikona Zulusprache – bedeutet so viel wie „Nein“, „Hau ab“, „Laß mich in Ruhe“

Zulu Negrides Volk der Südostbantu – ursprüngliche Siedlungsgebiete im Süden Afrikas – hat heute mit dem Volk der Xhasa den größten Anteil an der afrikanischen Bevölkerung des Apartheidstaates

Buren Holländische Siedler – ab der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts in südafrikanisches Gebiet eingewandert

Kaffern Eigentlich afrikanischer Volksstamm – heute als Schimpfwort für die Schwarzen gebraucht

Kritiken

Auszug aus: Sonntag 12 – 1988

BREITE ZU BREIT, SPITZE ZU SPITZ
VII. Leistungsvergleich der Arbeiter- und Amateurtheater

Gewachsenes Vertrauen in spielerisches Vermögen von Amateuren zeigten fünf Aufführungen mit kleiner Personnage, drei davon waren für mich die dichtesten, darstellerisch überzeugendsten Inszenierungen des Vergleichs. »Aikona, Boss« von Paul Slabolepszy (Regie Carsten Ludwig), gespielt von der Studentenbühne der KMU Leipzig, erzählt die Geschichte zweier weißer Südafrikaner, die nachts vor einem drive-in miteinander in Streit geraten. Forsie ersticht Vince und rettet seine Haut, indem er September, schwarzer Kellner und Schuldiger schlechthin, der Tat bezichtigt. Allnächtlicher Rassismus.
Der Einstieg etabliert das Ganze als Spiel-im-Spiel. Drei Darsteller verteilen die Rollen: »Der Neger bist du’«. Die verschiedenen Ebenen erlauben eine große Leichtigkeit und Heiterkeit, einzelne »Nummern« lösen einander ab, mit der Sprache wird jongliert (Du hast recht – Du haßt Recht), oder man steigt aus dem Spiel aus und weist den Partner zurecht.
Die ritualisierte Tötung – »ein letztes Spielchen« – wird doppelt gebrochen durch Wiederholung.
Die politische Geschichte bleibt unter den spielerischen Wucherungen präsent, Effekt ist: Der Zuschauer kann sich nicht einfühlen, die Distanz läßt Raum für Ergänzungen und Widerspruch.

Christiane Lange

VIELE WERKSTÄTTEN – WENIG MATERIAL
6. Potsdamer Werkstatt- Tage neuer Dramatik

Auch die hier schon traditionell vorgestellten lateinamerikanischen und südafrikanischen Autoren (Fügard war beispielsweise jahrelang („Hausautor«“) brachten diesmal kaum inhaltliche Anregungen, weil es sich im wesentlichen um nicht gelungene Interpretationen handelt.
Der Auftritt einer so renommierten Laienbühne wie dem Poetischen Theater Louis Fümberg könnte Frische in Konzept bringen. Nicht aber, wenn, wie in »Aikona Boß« von Paul Slabolepszy, ein ehrgeiziger junger Regisseur wie Karsten Ludwig mehr oder weniger begabte Laien zu einem Experiment verführt, dem sie technisch nicht gewachsen sind. Die Verallgemeinerung. der Geschichte von zwei Weißen, die im südafrikanischen Apartheidstaat ihre unterschiedlichen sozialen Konflikte letztlich auf einen Neger-Kellner konzentrieren, unter dem Motto »Wer ist der Neger« Spielsituationen ausbreiten, in die das Publikum zur Entscheidungsfindung (formal) einbezogen werden soll, ließ kaum die Vorgänge, geschweige denn ihre sozialen Konflikte erkennen.

Ingrid Sefarth