Premiere: 25.Februar 2012


Kritiken
Bistro Klunker / SZ
Schätze auf sinkenden Schiffen
Senioren – Projekt als Theater – Recherche in Welten der Verwandlung
Wenn ein Schiff zu sinken droht, handelt der Mensch instinktiv und versucht als erstes sich und seine Nächsten zu retten, ein – zwei wichtige Dinge vielleicht noch. Doch selbst wenn alles Materielle in den Fluten versinkt, bleiben die Erinnerungen – Hauptsache, man ist noch am Leben. Aber wenn auch die Erinnerungen verschwinden, ist man dann noch am Leben?
Meine Frau ist für mich gestorben, Herr Doktor, sagt traurig Herr Bach und geht an seiner apathisch da sitzenden demenzkranken Frau vorbei, steigt in den Fahrstuhl und ist weg. Herr Bach hat lange gegen die Krankheit seiner Frau gekämpft, sich rührend um seine Sarah gekümmert – jetzt hat er losgelassen. Ganz sicher hat er ein paar Kostbarkeiten mitgenommen – Sarahs Lächeln, als Herr Bach sie in einem KZ zum ersten Mal sah, ein Lächern, das gar nicht zum Schrecken rundherum passte und den starken Überlebenswillen dieser Frau signalisierte.Die Geschichte von Herrn Bach und seiner Frau ist der rote Faden eines Societätstheater Projekts mit Senioren und Theaterleuten. Daher auch der Titel: „Die Dame auf der zweiten Etage, die meine Frau war“.
Carsten Ludwig (Regie) schuf mit dieser Inszenierung in der Form eines Film-Theaters ein vielgesichtiges Porträt von Menschen in einer Lebensphase, in der Krankheiten wie Demenz hinter jeder Tür lauern. Für den Verfall, den Demenzerkrankungen im Gehirn hervorrufen, hat man hier ein würdiges Wort gerunden: Verwandlung.
Unterstützt wurde Ludwig von Rene Liebert und Andrej Bavtschenkov (Kamera und Ton), von den Schauspielern Thomas Stecher und Sabine Werner und von mehr als einem Dutzend aktiv beteiligten Senioren und Seniorinnen. Die Seniorenresidenz Dresden und eine Arztpraxis haben mit ihrem Engagement ebenso zur Realisierung des Projekts beigetragen.
Wenn das Publikum im Gutmann-Saal des Societätstheaters sitzt, ist die meiste Arbeit schon getan und filmisch festgehalten. Nur ThomasStecher tritt live als betreuender Arzt namens Jakoby auf, monologisiert seine Gedanken oder führt geschickt vorbereitete Dialoge mit Personen aus den Filmsequenzen. Er ist auch im Film zu sehen, auf den Fluren einer Senioreneinrichtung, grüßt, ermutigt und untersucht Ältere. Dazu hat er eine beherzte Krankenschwester an seiner Seite, die von Sabine Werner verkörpert wird. Sie fühle sich hier sicher, sagt sie, wo ständig etwas zu Ende gehe. Arzt und Schwester sind immer freundlich, verständnisvoll und lassen sich Zeit – nüchtern betrachtet wohl eine Wunschvorstellung. Glücklicherweise stört die Idealisierung des Personals nicht permanent, es ist auch gut, dass die Schwester nur kurz zornige Worte über kommende finanzielle Kürzungen verliert. Denn mit der geschminkten Realität als Hintergrund kommen Gesichter und Geschichten der Senioren erst richtig zur Geltung – so sehr, dass man manchmal fürchtet, die gnadenlose Nähe der Kamera könnte Hilflosigkeit in Lächerlichkeit abrutschen „lassen. Ein paar solche Momente bleiben, meistens halten sich Situationskomik und respektierte Tragik jedoch die Waage.
Die Filmsequenzen sind auf der Bühne auf weißen Bahnen zu sehen, die mit Abstand zueinander hängen. So werden Gesichter und Gestalten „zerschnitten“ wahrgenommen, was zunächst gewöhnungsbedürftig ist. Je mehr man in diese faszinierende und gleichzeitig bedrückende Welt des Erinnerns, Wartens und Verlierens eintaucht, umso besser passt die Film-Puzzle-Technik dazu.Wie eine zufällige Sammlung an festgehaltenen Momenten wirkt die Inszenierung auch inhaltlich – mit Ausnahme der Geschichte von Herr und Frau Bach, authentisch dargestellt von Bernd Oppermann und Ingrid Schulz.
Alte Menschen sehen sich Fotos an, auf denen sie jung sind, und kommentieren humorvoll banale Dinge. Ein Mann zeigt Fotos, auf denen es nur aussehen würde, als ob man arbeite, eine Frau „outet“ sich mit viel Gelächter als Spionin 004, eine andere erzählt, wie ein russischer Offizier sie vor einer Internierung nach Sibirien rettete, weil ihm die 17-jährige SS-Mitarbeiterin zu jung fürs Bestrafen war. Ob sich Verlorenes in den Träumen von Demenzpatienten wiederfindet, fragt sich der Arzt. Eine Frau im Rollstuhl scheint jedenfalls zu lächeln. Nur kleine Siege, Herr Doktor, beschwichtigt die sie begleitende Angehörige im Film. Kleine Siege, große Wirkung kann man nach dieser Inszenierung nur sagen.
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Rainer Kasselt /Union
Das Societaetstheater zeigt mit Respekt und Humor einen Abend
über die Bürde und Würde des Alterns.
Der Tod lächelt uns alle an. Das Einzige, was man machen kann, ist zurückzulächeln, wusste schon der Altrömer Marc Aurel. Aber das fällt den meisten schwer. Niemand kennt die Stunde des Abschieds.
Und doch kommt sie. Die Bewohner einer Dresdner Seniorenresidenz singen das Volkslied „Hoch auf dem gelben Wagen“. Voller Inbrunst, textsicher und mitheiterer Gelassenheit. Sie wären ja so gerne noch geblieben, aber der Wagen, der rollt.
Diese Szene gehört zu den berührenden Momenten der Societaetstheater-Inszenierung.
„Die Dame auf der zweiten Etage, die meine Frau war“, die am Freitag mit vielBeifall aufgeführt wurde. Der lange Titel verrät: es geht auch und vor allem um Demenz. Ein sensibler Abend über die Bürde und Würde des Altems, über das Nachlassen des Gedächtnisses.
Regisseur Carsten Ludwig sprach mit Heimbewohnern und ihren Angehörigen. Sie erlaubten ihm filmische Interviews, erzählten Episoden aus ihrem Leben. Heitere und ernste Erinnerungen, die in keinem Geschichtsbuch stehen. Eine Seniorin saß unschuldig im Gefängnis, wurde als Agentin verurteilt. Heute kann sie darüber lachen: „Ich war die Spionin 004!“ Eine andere Bewohnerin war mit 17 zivile Schreibkraft bei der SS. Nach der Befreiung vom Faschismus wurde sie zur örtlichen Kommandantur der Roten Armee gebracht. Sie wähnte sich schon in Sibirien. Doch der Offizier schickte sie nach Hause: „Sie sind doch noch ein Kind!“ Eine Dritte betrachtet Fotos einer Silvesterfeier aus ihrer Jugend. Mit ihrem Mann war sie bei Freunden eingeladen. Auf den Fotos wird heftig geküsst. Über das Gesicht der Rentnerin huscht ein verlegen-glückliches Lächeln. Sie sagt kein Wort, aber man ahnt: Sie erinnert sich nicht nur an die Lippen ihres Mannes.
Carsten Ludwig verbindet Theater mit Film (Video: Rene Liebert).
Die eingespielten Aufnahmen werden unterbrochen, kommentiert und weitergeführt. Ein Arzt (behutsam-nachdenklich gespielt von Thomas Stecher) agiert auf der Bühne, wechselt spielerisch von einem Medium in das andere. Er spricht mit den Bewohnern, berät die Angehörigen, hält Kontakt zur Heimschwester (resolut und bodenständig dargestellt von Sabine Werner). Oft gerät der Arzt in ein ethisches Dilemma, wenn die Angehörigen der Demenzkranken nicht mehr weiterwissen, von Schuld- und Angstgefühlen zerrissen werden. Zum szenischen Konzept des Abends gehören fiktionale Familiendramen, gespielt von Laien. Ein rüstiger Rentner (Bernd Oppermann) bemerkt entsetzt, dass seine Frau (Ingrid Schulz) geistig abbaut, ihn am Ende nicht mehr erkennt, gar vor ihm ausreißt. „Heute ist meine Frau für mich gestorben“, sagt er erschüttert. Das Zusammenspiel von Laien und Profis gibt der Inszenierung einen zusätzlichen Reiz, erhöht die Authentizität. Gewohnheiten der Jugend kehren im Alter oft wieder. Das zeigen die Interviews mit den Senioren. Carsten Ludwig hat die Heimbewohner ernst genommen, verwandelt die Residenz in einen Erzähl-Salon. Die Senioren bekommen gute Laune, wirken zehn Jahre jünger, weil sie von ihrem schönen schweren Leben erzählen können. Viele von ihnen, meist im Rollstuhl, waren bei der Premiere dabei. Ihnen galt der größte Beifall.
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Frau Antonia Hamann
„In Kooperation mit der K&S Seniorenresidenz Dresden realisierte Regisseur Carsten Ludwig ein Theaterfilmprojekt zum Thema Demenz, das die schwierigen Fragen des Älterwerdens und Abschiednehmens aufgreift. Im Film „Die Dame auf der 2. Etage, die meine Frau war“ berichten Bewohnerinnen und Bewohner sowie manche ihrer Angehörigen über ihre eigenen Erfahrungen.
Begleitet und unterstützt wurden die Filmaufnahmen von einer Alltagsbegleiterin Frau Walther, die zwischen den Seniorinnen und Senioren, ihren Angehörigen und dem Filmteam vermittelte.Die Bewohnerinnen und Bewohner genossen die besondere Aufmerksamkeit, die sie während der Dreharbeiten erhielten. Durch das Interesse der Öffentlichkeit an ihrer Lebensgeschichte wurde eine Verbindung zur Außenwelt geschaffen. Von nun an gab es auch ein neues Gesprächsthema im Haus, über das sich lebhaft ausgetauscht wurde.Für einen sanften Einstieg stellte der Regisseur in einer versammelten Runde zunächst das Projekt vor. Die Aufnahmen selbst fanden in den Zimmern der Bewohnerinnen und Bewohner statt.
Eine alte Dame fand sich dabei so gut in der Rolle einer Schauspielerin wieder, dass sie aus ihrem Gedächtnis wie im Theater Gedichte rezipierte. Eine polnische Bewohnerin sang Lieder aus ihrer Heimat. Es war erstaunlich, in welcher Weise verborgene Erinnerungen von den dementen Bewohnerinnen und Bewohnern wiedergegeben wurden. Bei manchen Erfahrungen flossen auch Tränen, so dass die Alltagsbegleiterin sich um die Nachsorge kümmerte, damit die Senioren und Seniorinnen nach den Aufnahmen mit ihren aufgewühlten Erinnerungen nicht alleine waren.
Der Sohn einer Bewohnerin berichtete über seine Erfahrungen mit der fortschreitenden Demenz seiner Mutter; ein Ehemann über das Abschied nehmen von seiner dementen Frau, die er täglich in der Seniorenresidenz besucht. Der Abschluss der Dreharbeiten wurde im Rahmen einer Faschingsfeier mit allen Bewohnerinnen und Bewohnern gefeiert. Diejenigen, die an dem Film mitgewirkt hatten, erschienen auch bei der Premiere im Dresdner Societaetstheater und wurden nach der Aufführung mit einem riesigen Applaus geehrt. Noch heute ist das Theaterfilmprojekt bei den Bewohnerinnen und Bewohnern in aller Munde.
Einrichtungsleiterin K&S Seniorenresidenz Dresden
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