Eisler 1987

Hanns Eisler – Szenen aus dem Leben eines Komponisten
Musik – Briefe – Gespräche / Im Agitprop-Stil der „Roten Raketen Dresden“ der 20iger Jahre

Klicken Sie auf das Bild, um das Video zu sehen.

Produktion der Dresdner Musikfestspiele; Uraufführung: am 02.Juni 1987

Buch: Eberhardt Klemm / Reiner Zimmermann / Carsten Ludwig
Musikalische Leitung: Berndt Heller/Jürgen Wirrmann
Regie: Carsten Ludwig

Realisation der Filmmusiken: Berndt Heller (Österreich)
Dramaturgie: Carsten Ludwig/Reiner Zimmermann
Kostüme: Ulrike Gärtner

Ausführende:

  • Renate Biskup, Sopran
  • Eva-Sybille Edel
  • Suheer Saleh
  • Hans-Georg Körbel
  • Lutz Blochberger

Klavier: Michael Lüdicke
musica viva ensemble dresden

Programmfolge

1. Collage

Musik 1
Eisler/ Brecht, Solidaritätslied, 1931 / Weinert, Der rote Wedding, 1929
Brecht, Die Ballade vom Baum und den Ästen, 1933
Brecht, Lob des Lernens, 1931

2. Ein Ausspracheabend

Vortrag Eislers „Inhalt und Form“, 1962

3. Kontroverse mit Schönberg

Eisler, Gespräch mit Bunge, 1958

Musik 2
Wanderer erwacht in der Herberge (Lf-Taf-Pe)
aus 3 Lieder für eine mittlere Stimme und Kammerorchester, 1919
Vortrag Eislers „Arnold Schönberg“, 1954

Musik 3
Schönberg, Präludium aus der Suite op. 25 ür Klavier, 1921
Schönberg, Harmonielehre, 1911
Eisler, Gespräch mit Bunge, 1958
Schönberg, Brief an Eisler, 1926

Musik 4
Aus dem Tagebuch des Hanns Eisler
Eine kleine Kantate op. 9, 1926, „Ein bißchen Ruhe schadet nichts“, für Frauenterzett, Geige und Klavier

4. Gegen die Dummheit in der Musik

Eisler, Gespräch mit Bunge, 1958

Musik 5
Edmund Eysier, „Küssen ist keine Sund'“

Musik 6
Eisler, Rachmaninow – Porodie für Klavier, 1958

5. Gegen Weltanschauungs – Sinfonik

Brief Eislers an Brecht, 1935

Musik 7
Nikolai Mjaskowski, Sinfonie Nr. 21, 1940 (Ausschnitt)

Musik 8
Eisler, 5. Orchestersuite, 1., 7., 2. Satz, 1933
Alexander Goehr über Eisler, 1964
Kommentar Eislers zu Präludium und Fuge über B-A-C-H, 1936
Kommentar Eislers zur Kleinen Sinfonie, 1960

Musik 9
Präludium und Fuge über B-A-C-H op. 46
für Streichtrio, 1934

Musik 10
Brecht, Ballade vom Wasserrad, 1934
mit Dokumentaraufnahme Eislers (Nova 885039) 1958

6. Gegen schlechte Gewohnheiten in der Filmmusik

Film 1
Walter Ruttmann, abstrakter Film „Opus III“, 1924

Musik 11
Musik zu „Opus III“, 1927

7. Für den Realismus in der Kunst

Brecht, Kleiner Kolleg über den Realismus, 1930

Musik 12
Brecht, Die Spaziergänge, Ballade aus dem Film „Kuhle Wampe“ für Sopran und Klavier, 1931

Diskussionsbeitrag Eislers „Wie studiert man den sozialistischen Realismus“, 1952

8. Gegen den Ausschuss zur Untersuchung unamerikanischer Tätigkeit

aus den Verhandlungsprotokollen, 1947

Musik 13
Brecht, Hollywood-Elegie III für Singstimme und Klavier, 1942
Eisler, Gespräch mit Bunge, 1958

Film 2
Charlie Chaplin, „The Circus“, 1928

Musik 14
Eisler, Septett Nr. 2, 1947

9. „Sei du Gesang, mein freundlich Asyl!“

Eisler, Fragen der Hörer, aus „Hörer und Komponist“, 1949
Eisler, Tagebuchnotizen, 1953
Eisler, Gespräch mit Bunge, 1961

Musik 15
Nr.1 der „Ernsten Gesänge“ für Bariton und Streichorchester (Hölderlin), 1936/61, Aufnahme (Nova 885088) mit Günther Leib, Rundfunk-Sinfonie-Orchester Berlin, Leitung Günther Herbig, 1970

Vorbemerkung zur Partitur der „Ernsten Gesänge“, 1962

Kritiken

Geisterbeschwörung

Szenisches Eisler-Porträt

Ein ernsthafter Spaß und ein ästhetisches Vergnügen: Nach einem Buch von Eberhardt Klemm, Carsten Ludwig und Reiner Zimmermann wurden „Szenen aus dem Leben eines Komponisten“ vorgestellt. Natürlich waren das in erster Linie Kompositionen und verbale Äußerungen Eislers, und vor allem letztere zeigten ihn als scharfzüngigen, witzigen, streitbaren Verfechter einer neuen Haltung zur Musik. Aber ebenso kamen andere zu Wort, die sich über Eisler geäußert haben, wurden Werke anderer Autoren zumindest zitiert. Besonders zwei Filmeinblendungen verdienten hier Erwähnung; Walter Ruttmanns abstrakter Film „Opus III“, dessen Musik von Eisler stammt, und ein Ausschnitt aus Chaplins „The Circus“. Ich habe wieder das Geschick der Autoren bewundert, aus einem nahezu unüberschaubaren Materialvorrat besonders interessante Beispiele auszuwählen, bewundert auch Carsten Ludwigs Fähigkeit, Wissensvermittlung auf dem schmalen Grat zwischen Ernsthaftigkeit, Spaß, Verfremdung und spielerischem Umgang mit Sprache und Gestus anzusiedeln. (Frei-
lich, wer das Charles-Ives-Porträt des Vorjahres miterlebt hat, wird nicht nur stilistische Wiederholung feststellen, sondern auch erneut Bedenken hinsichtlich einer gewissen Verselbständigung des Bühnengeschehens nicht ganz beiseite schieben können.)
Unter den Beteiligten ragten die Sopranistin Renate Biskup und der Pianist Michael Lüdicke wegen ihres bedingungslosen Einsatzes heraus. Aber diese besondere Erwähnung ist beinahe schon eine Ungerechtigkeit gegenüber den anderen Mitwirkenden, die sich genauso wenig schonten und dem Anspruch des Abends voll gerecht wurden: Die Sprecher Eva-Sybille Edel, Suheer Saleh, Lutz Blochberger und Hans-Georg Körbel.
Und dennoch hatte der Abend für mich etwas Gespenstisches. Die Zuhörer waren bis auf wenige Ausnahmen die gleichen, die sich bei allen anderen Veranstaltungen mit neuer Musik auch einfinden. Diese Insider dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, daß der wichtigste Vertreter der frühen DDR-Musik inzwischen fast zur Unperson geworden ist.
Wir stehen vor der beschämenden Tatsache, daß dieser Komponist kaum noch aufgeführt wird. Geschieht es trotzdem, dann konzentriert sich das Interesse auf
einzelne Werke. Wer weiß schon, daß viele Lieder Eislers zu den schönsten lyri-schen Werken des Jahrhunderts gehören? Eisler hat mehr geschrieben als Agitprop-
Musik. Die Musikgeschichtsschreibung unseres Landes nennt ihn gern den Kom-ponisten der Arbeiterklasse und verschließt die Augen davor, daß seine Musik von dieser (und nicht nur von dieser) praktisch nicht zur Kenntnis genommen wird. Jahrzehnte vereinseitigter Rezeption, simplifizierender Musikerziehung und die Beschränkung auf bequeme Klischees haben zu einer Situation geführt, auf die wir alles andere als stolz sein sollten.
Autoren und Ausführenden sei für die genußreiche Wiederbegegnung gedankt. Daß ein Gefühl der Bitterkeit zurückbleibt, ist nicht ihre Schuld.

Peter Zacher, Union / 15.06.1987

Szenisches Porträt Hanns Eisler

Wechselnd zwischen Konzert und Szene, erlebte eine ebenso interessante wie vergnügliche Veranstaltung am 2. Juni ihre Premiere: ein szenisches Porträt Hanns Eislers. In Wort und Ton (Buch:
Eberhardt Klemm, Carsten Ludwig, Reiner Zimmermann) wurde ein bedeutender Komponist der Gegenwart gewürdigt, ganz in seinem Sinne dialektisch, kritisch, engagiert und heiter. Ausschnitte aus Gesprächen Eislers mit Hans Bunge, aus Briefen und Tagebuchnotizen gaben wesentliche ästhetische und gesellschaftliche Vorstellungen des Komponisten wieder (Haltung zu Schönberg, Über die Dummheit in der Musik, Filmmusikkonzept). Einbezogen waren verbale und mediale Äußerungen von Zeitzeugen, darunter Kostbarkeiten, wie Walter Ruttmanns abstrakter Film „Opus III“ und „The Circus“ von und mit Charlie Chaplin (der während der Aufführung bedauerlicherweise gerissen ist).
Die Texte Eislers wurden von vier Schauspielern (Eva-Sybille Edel, Suheer Saleh, Lutz Blochberger, Hans-Georg Körbel) und der Sängerin Renate Biskup mit verteilten Rollen gesprochen und szenisch umgesetzt. Der Brechtsche V-Effekt (Regie: Carsten Ludwig) verfehlte seine Wirkung nicht, denn die Aufspaltung („Dramatisierung“) der Eislerschen Reflexionen war eine Aufspaltung der Person Eislers, brachte Brechungen, Konflikthaftigkeit ein. Rhythmisiertes, melodisiertes oder simultanes Sprechen ironisierte und aktualisierte Eislers Gedanken.
Man errichtete kein Denkmal. Das war sympathisch. Gezeigt wurde Eisler als geistsprühender Theoretiker, witziger Redner, als immer agiler, parteilicher, sich selbst und seine Umwelt kritisch reflektierender, genialer Komponist. Eisler, der Kunstpragmatiker, der sich den Forderungen des politischen Alltags immer wieder stellte. Eisler in der Optik unserer Zeit, einige Positionen relativierend als historisch notwendige Irrtümer. Dazu Kompositionen Eislers (Lieder, Kammermusiken, Klavierstücke), dargeboten vom „musica viva ensemble dresden“ (Leitung: Jürgen Wirrmann und Berndt Heller) als direkter Beleg für theoretische Maximen. Sie zeigten auf der einen Seite, wie notwendig eine ausgearbeitete Ästhetik für das Schaffen eines Komponisten sein kann, daß sich aber andererseits (zum Glück?) theoretisches Wollen und kompositorisches Müssen oft genug widersprechen. Zwei Requisiten (ein rotes Tuch und eine weiße Leiter) dienten den Darstellern abwechselnd als Konferenztisch, Dekor, Sockel oder Bahre. Auf sie wird zum Schluß der sich ereifernde „Eisler“ mit salbungsvollen Gesten gelegt.
Anspielung auf ein Brecht-Zitat? Er ward Klassiker und wurde begraben. Im Falle Eisler? Schauen wir uns doch die Konzertprogramme unseres Landes daraufhin einmal an …

Felicitas Nicolai

Leider viel zu wenig als Musiker gefeiert

Konzert zum 25. Todestag von Hanns Eisler im „tip“

Dem Theater im Palast gelang zwei Tage nach Hanns Eislers Geburtstag — der Komponist wäre am 0. September 89 Jahre alt geworden — die beachtenswerte Gedenkveranstaltung „Hanns Eisler — Szenen aus dem Leben eines Komponisten“. Die Produktion war ein Gemeinschaftskonzert mit dem Hanns-Eisler-Archiv der Akademie der Künste Berlin und hatte bereits zu den diesjährigen Musikfestspielen in Dresden Premiere.

Regisseur Carsten Ludwig versuchte die sorgsam ausgewählten Texte, die Eisler als geistvollen Musiktheoretiker und Schriftsteller, Polemiker und Überzeugten Sozialisten im Spielfeld der Kritik an ihm herausstellen, ‚durch
sprachliche Brüche und gespielte Provokationen in ihrer Bedeutung für die Gegenwart zu erschließen. Dabei war der darstellerisch überzeugende Anteil der Interpreten Renate Biskup (Mezzosopran), Eva-Sybille Edel, Suheer Saleh, Lutz Blochberger und Hans-Georg Körbel enorm. Ihnen gelang es, die Zuschauer zum Denkvergnügen anzuregen; Mit Zitaten aus Reden, Briefen, Kommentaren, Tagebuchaufzeichnungen und Gesprächen des Komponisten wurde sein Lebensweg mit all seinen Belastungen und kul-turpolitischen Mißverständnissen gegenüber seiner Musik nachgezeichnet.

Am Schluß wird bedauert, daß Eisler zwar als Theoretiker, Kämpfer und Kulturpolitiker, aber nicht als Musiker gefeiert wird. Und das war auch der wunde Punkt in der sonst sehr anschaulich gestalteten Eisler-Collage von Eberhardt Klemm, Carsten Ludwig und Reiner Zimmermann (Buch). Denn in ihr blieb der musikalische Anteil im Verhältnis zum gesprochenen Wort zu gering. Doch das Gebotene, wie seine Rachmaninow Parodie für Klavier, die 5. Orchestersuite, Präludium und Fuge über B-A-C-H für Streichertrio, Musik zu den Filmen „Opus III“ und „Zirkus“, die Hollywood-Elegien oder eine Passage aus der 3. Klaviersonate, wurde durch das „musica-viva-ensemble dresden“ unter Leitung von Jürgen Wirrmann und Berndt Heller, Michael Lüdecke (Klavier) und Renate Biskup künstlerisch herausragend ausgeführt.

Dennoch bleibt ein Unbehagen, weil dem neben Paul Dessau bedeutendsten DDR-Komponisten die gebührende Berücksichtigung im Konzertalltag nicht zuteil wird. Die Pflege seiner Kammer- und Vokalmusik ist noch immer den wenigen Ensembles und Interpreten für zeitgenössische Musik vorbehalten, obwohl Hanns Eisler schon längst zu den Klassikern des 20. Jahrhunderts gehört.

Martin G. Butter, TRIBÜNE Nr. 180 / 14. September 1987 / Seite 4