Patchwork an der Wäscheleine
Szenische Collage von Musikstücken und Texten von Charles Ives
ausgewählt und konzipiert von Jürg Wyttenbach
(Dresdner Musikfestspiele, 1986)


Schauspieler: Monika Hildebrand, Suheer Saleh, Lutz Blochberger, Lars Jung
Sänger: Jürgen Hartfiel
Pianist: Michael Lüdicke
musica viva ensemble dresden
Musikalische Leitung: Jürgen Wirrmann
Inszenierung: Carsten Ludwig
Bearbeitung und Dramaturgie: Reiner Zimmermann / Carsten Ludwig
Szenenfolge
- Motto / The Innate
Streichquartett, Klavier - Ansprache an das Publikum / Three page sonata
Klavier - Von Kirchtürmen und Bergen / The Housatonic at Stockbridge
Gesang, Klavier - Die Natur liebt die Analogie – Erinnerung von Ives‘ Mutter Musik ist eine nette, kleine, soeben geborene Kunst
Kammerensemble / From the Steeples and the Mountains - Musik auf Abwegen / Scherzo
Kammerensemble - Variations on America / Variations on America
Harmonium - Von Land und Menschen / Charlie Rutlage
Gesang, Klavier - Ein seriöser Bericht / The unanswered question
Kammerensemble - Der nette Weg / Tone road I
Kammerensemble - Emerson / The Pond
Gesang, Klavier - lPatchwork-Fahne / Old Home Day
Solo, Chorus, Instrumente - …und alle werden noch zu ihrem Recht kommen / Majority
Gesang, Klavier - Von der Freiheit / March II
Kammerensemble
Ausschnitt aus Holiday-Symphonie (Tonband)
Kritiken
Zum Gastspiel im „tip“ Berlin, am 15. Feb. 1988
Charles Ives und sein Flickwerk – Gruppe musica viva Dresden im tip mit „Patchwork an der Wäscheleine“
Eine alte Freundin bedauert immer, dass ich nicht wette. Weil mir das keinen Spaß macht gemeinhin. Ihr aber sehr. Nun hätte ich mal gewettet, da war sie nicht auffindbar. Ich hätte nämlich gewettet – und gewonnen -, dass viele Leute, viel mehr als da waren, einen hohen Spaß an dem Abend „Patchwork an der Wäscheleine“ mit dem Ensemble… gehabt hätten. Vor allem die Kollegen Großkritiker, die nun auch eines köstlichen Spaßes verlustig gegangen sind…
Regisseur ist Carsten Ludwig. Sprecher sind Monika Hildebrand und Suheer Saleh (die ausgezeichnet deutsch spricht) sowie Lutz Blochberger und Lars Jung, und alle sind sie gut. Schauspieler, also mehr als Sprecher. Genauer: Spieler sind sie, denn sie spielen Musik. Das tun die Musiker auch, so, wie in jedem Konzert Musik gespielt wird. Ungewöhnlich wird die ungewöhnliche Musik – von den Komödianten gespielt. Nicht nur, daß da einer einen Handstand macht und daß sie köstlich Gaudi mit einer – immer größer werdenden – Zeitung machen und oft zu Boden gehen. Nein: Sie sprechen zahlreiche – überaus zeitnahe und beziehungsreiche – Texte des Ives und kommentieren diese mit Ton, Blick und Geste. Sie bewegen sich pantomimisch nach den Stimmen und fliehen diese Stimmen im Orchester, die Stimmen der Partitur, dann spielen die Spieler „fliehen“, und so versinnbildlichen sie eine Fuge. So könnte man weiter beschreiben…
Vor dem Beginn betrachtete ich den szenischen Aufbau: links Flügel und Glockenspiel, in der Mitte vorn ein Podium, hinten Stühle für die Musiker, Schlagzeuge ziemlich rechts, ein paar Mikrofone, vorn von links nach rechts, etwa zwei Meter hoch, eine Strippe. Ach so, da wird die Brechtgardine mal wieder gezogen! So etwa dachte ich. Aber dann; stand ja schon Im Programmtitel „Patchwork an der Wäscheleine“. Und Patchwork, also Flickwerk, Stückwerk, ein Fleckerlteppich. Was tut solches im Konzert? Einem Charles Ives-Konzert? Ein großer, wenn auch außer-ordentlicher Musiker, Komponist, auch Schriftsteller!?
Man muß schon ordentlich im Gedächtnis kramen, um sich wichtigste Daten und Lebenstatsachen oder gar Musiken heranzuholen. Organist war er und Beamter, komponierte nebenbei. Ob er als Beamter ein Genie war, weiß ich nicht, als Tonsetzer war er es gewiß. Ein Innovator, wie das der Kollege Ästhetiker sagen würde, ein Neuerer, der zugleich und unabhängig von anderen Gleiches erfand. Er trat in etwa zeitgleich mit den Modernen des alten Europa auf. Doch entdeckte man ihn in den USA erst sehr viel später, als die Europäer ihre Moderne gebracht hatten. Er theoretisierte wie Schönberg oder Eisler, polemisierte wie Satie, komponierte wohl auch wie diese und Gershwin und Weill zusammen, vielleicht auch etwa wie Adrian Leverkühn, er verwendete Folkmusic, Gospels und Ragtime, auch Country-Music, er schrieb Sinfonien und Ouvertüren, Stücke, die er „Orchestral Seta“ nannte, Trios, Quartette und Ouvertüren, zwei Klarinetten-Quintette. Sonaten für Klavier und auch für Geige, Orgel-Stücke, Lieder und Chorwerke, ganz zarte und witzige wie monumentale wle ein Lincoln-Oratorium. Er war ein ziemlich progressiver und vor allem ein «ehr nachdenklicher Musiker und Mensch; 80 Jahre alt geworden (1874-1854). So hatte er sehr viel gegen Musikergleichgültigkelt.
Ob das noch aktuell ist? Man müßte mal ein Orchester befragen …Ein Werktitel heißt „Werke im Vierteltonsystem, für Streicher und für Klavier“. Dieser läßt auf tonale Experimente besonderer Art schließen. Und solche wie formale unterschiedlichsten Wesens sind zu hören, ein ironisch gehandhabtes Fugato steht neben modernen Techniken wie Montagen, und immer wieder versucht er die witzigsten Entsprechungen von Text und Musik.
„Neue Zeit“ Berlin, 5. März 1988
Ein Stück für Klavier und Gesang heißt „The Houseatonic at Stockbridge“, ein anderes wird „Musik auf Abwegen“ genannt, und dies wird dann eben auch gezeigt. Satire steht stark im Kurs bei ihm, zuweilen ein – irgendwie komisch gebrochenes – Pathos. Er wollte nur Musik schreiben, die ihm lohnend erschien, na ja, das trifft für andere auch zu.
Aber: „Musik ist eine nette, kleine, soeben geborene Kunst.“ –
Das will schon gesagt sein. Dann will solche gemacht sein. Und von einem, der wieder Großwerke schreibt, sich einem Philosophen und Politiker wie Ralph Waldo Emerson verpflichtet fühlte, was schon wieder viel erklärt: seine Ästhetik wie die Ethik.
Emerson, der Transzendentalist, eine Philosophie, die Musiker sicher anzieht, wenn sie überhaupt philosophieren. Emerson, der Dialektiker – o Ja, diese Musik sprüht vor Dialektik in ihrem Witz.
Emerson, der Demokrat und Friedenskämpfer – Ives Werk ist auch ein Bekenntniswerk. So ist auch seine Theorie seine Literatur kaum zu trennen von der Musik. Das haben die „Spieler“ gut verstanden.
Als ich da so saß, grübelte ich über die besagte Strippe, Wäscheleine. Und darüber, was wohl die „Werkstätten“ vom Staatsschauspiel Dresden gebaut hatten. Dann hatte ich es: die Strippe. Sie war schließlich das wichtigste Requisit und Dekorationsstück. Voll begriffen hatte ich das nach „The unanswered question“, vom Ensemble musiziert-gespielt und von Schauspielern gezeigt-gespielt. Wie die Stimmen flüchten und sich finden und wie das vorgeführt, augensinnlich gemacht wird! Sehr schön, dieses „Patchwork“ (Ein Lied heißt wirklich so.)
„Von der Freiheit“ hieß du letzte Stück, March II aus der Holiday-Symphonie, vom Ensemble angestimmt und vom Tonband übernommen, da klang es massig. „… und alle werden noch zu ihrem Recht kommen“ hieß ein sieggewisses anderes. Aber die, die da nicht da waren, sind es nun nicht. Sie müssen nun Ivcs und dieser Truppe nachreisen. Und ich freue mich auf deren Eisler-Abend im Mai.
Johansan Christoph Trilse (nach 1990: Jochanan Trilse-Finkelstein)
(Ludwig: Die zweite Einladung des Eisler-Gastspiels im „tip“ sollte am 09.Mai 1988 stattfinden. Es wurde von Gerhart Wolfram untersagt. So konnte Herr J. Trilse es nicht besuchen.)
Patchwork von Ideen und Werken gezeigt
Szenische Collage aus Schriften Charles IvesNach wie vor ist der amerikanische Komponist Charles Edward Ives (1874-1954) eine Art Geheimtip für Kenner und Liebhaber, hat er doch, unbekümmert um alle Regeln der musikalischen Kunst, zwischen 1895 und 1920 für sich die neue Musik „erfunden“, d. h.,Kompositionsprinzipien der Polyrhythmik, Polytonalität, der Collage u. a. benutzt, lange bevor diese in Europa zur Anwendung kamen. So war es nicht verwunderlich, daß ein neugieriges und schließlich begeistert applaudierendes Publikum wissen wollte, welche Gedanken Ives an dem Tag kamen, als er eigentlich fischen sehen wollte, aber von seiner Frau zum Frühjahrsputz vergattert wurde.
Cr, Union? 1986
Der schweizerische Komponist Jürg Wvttenbach hat aus Schriften von und über Ives ein Patchwork, eine bruchstückhafte, kontrastreiche Kombination von Ideen und Werken des Komponisten zusammengestellt und damit ein Bild von eigenwilligen Reiz entstehen lassen.
Ives hat sich in vielfältiger Weise über Musik, Musiker, Kunst und Gesellschaft geäußert und zwar… als von den Idealen der Demokratie erfüllter Bürger eines hochkapitalisierten Landes.
Carsten Ludwig vorn Staatsschauspiel hat diese Texte theatralisch umgesetzt, indem er Strukturprinzipien der Ivesschen Musik auf die Spielweise von vier Schauspielern übertrug, z.B. in Form von Kanons-, Verteilung der Wort auf einzeln Sprecher, Echowirkungen, Simultanität, Darstellung in unterschiedlichen Gesten und Haltungen. Daß dies alles mit hintergründigen Witz und darstellerischer Fantasie geboten wurde, ist das Verdienst des jungen Regisseurs und von Monika Hildebrand, Suheer Saleh, Lutz Blochberger und Lars Jung, die sich in überzeugender Weise als „Dears Ives“zu viert als Sprachrohr des Komponisten zu erkennen gaben oder auch gegensätzliche Positionen einnahmen. Die Zitate sind nicht als ein dramaturgisch durchgearbeitetes Schauspiel konzipiert – um so höher ist die komödiantische Weise hervorzuheben, mit der die Texte „serviert“ wurden.
Aber ohne Musik wäre das alles unvollständig. Jürgen Wirrmann hat mit dem musica viva ensemble in überzeugender Art die teils vertrackten, widerborstigen und berühmten Stücke wie „Tone road I“, „The unanswered question“ oder den schmissigen, auch als Zugabe erklatschten Marsch II interpretiert.
Eine hervorzuhebende Leistung bot Michael Lüdicke am Flügel und am Harmoium sowie als Begleiter von M. Hildebrand (mit einem Saloon-Song) und Jürgen Hartfiel (mit anspruchsvollen, diffizilen Liedern). Man erhielt wenigstens einen Einblick in die Vielseitigkeit der kompositorischen Möglichkeiten in Ives‘ Werkstatt.