VIadimir Sorokin, aus dem Russischen von Peter Urban
Es wirken mit:
Henriette Cejpek, Vera Irrgang, Helga Werner, Sabine Werner, Christian Maria Goebel, Lars Jung, Woifgang Winkler, Siegfried Worch
Jugendbrigade: Vera Kreyer, Philipp Otto, Hannes Rittig (Studenten des Schauspielstudios Dresden der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig)
Instrumentalisten: Heide König und Cornelia Schumann
Betriebsleitung und Kollektive: Sandra Drews, Grit Kleinschmidt, Uta Kohlenbrenner, Sigrid Konzeck, Katrin Meinert, Miriam Nawroth, GertraudPlatzk, Marianne Pohl, Julia Rossischina, Anna-Maria Scholz, Renate Scholz, Ewa Talarezyk, Beatrice Teichmann, Lieselotte Zumpe, Hansgünter Baldauf, Richard Hähne, Thomas-Robert Koch, Helmut Scholz, Georg Seeger, Wilfried Zumpe
Regie: Carsten Ludwig
Bühne und Kostüme: Juan Leon
Dramaturgie: Sven Döbler
Regieassistenz: Timo von Tümpling
Filmproduktion: Balance Film GbR Ralf Kukula, Thomas Claus
Sprecher: Hanns-Jörn Weber
Aus Anlaß seines zehnjährigen Bestehens begrüßen Sie die Leitung und die Belegschaft des Tschechow-Protein-Kombinates recht herzlich!
Festprogramm
1. Festrede. „Festrede zum Jahrestag“
2. Filmvorführung: „Am Menschen muß alles schön sein“
3. Anton Pawlowitsch Tschechow: „Schön ist Gottes Welt. Nur eines ist nicht schön: wir. Wie wenig Gerechtigkeitssinn und Demutwir haben, und welch falschen Begriff von Patriotismus! Ein betrunkener, verlotterter Wüstlingvon einem Ehemann liebt seine Frau und seine Kinder, aber was hat diese Liebe für einen Sinn? Wir, so heißt es in den Zeitungen, lieben unsere große Heimat, aber worin äußert sich diese Liebe? Anstelle von Wissen ist da nur Unverschämtheit und maßlose Einbildung, anstelle vonArbeit – Faulheit und Schweinestall, es gibt keine Gerechtigkeit. … Arbeiten muß man, alles andere – zum Teufel damit.“
Anton R Tschechow an A. S. Suworin, 9. Dezember 1890
4. Kondensierte Texte aus: Iwanow, Die Möwe, Onkel Wanja, Drei Schwestern, Der Kirschgarten
Kritiken
Nicht die Zeit, der Mensch steht still
Ein Rednerpult mit Mikrophon, in einer Bodenvase stecken künstliche Blütenzweige, ein Podest, auf dem Kammermusik erklingt – die Feierkultur hat sich nicht wesentlich geändert. Denn das, was da abläuft mit Ansprachen und Auszeichnungsritus auf der Bühne erinnert zwar fatal an Feierstunden zu sozialistischen Zeiten, findet aber in der Tat nach der Wende statt. Ein Jubiläum steht an. Das seit zehn Jahren bestehende russische Tschechow-Protein-Kombinat hat den Sprung von der Plan- in die Marktwirtschaft geschafft. Großes hat man seitdem geleistet, wie zu hören ist. Spontaner Applaus aus den Zuschauerreihen, zustimmende Ausrufe. Verdutzte Theaterbesucher drehen sich um, wer da klatsche. Auch das gehört zur Inszenierung. Amüsiertes Zurücklehnen. Weitere Erinnerungen werden geweckt, man kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. „Das Jubiläum“ von Viadimir Sorokin hat in der Regie von Carsten Ludwig im Kleinen Haus des Dresdner Staatsschauspiels Premiere. Doch nicht nur die Festzeremonien sind geblieben, überhaupt hat sich nichts geändert. Der einstige russische Dichter im Untergrund Sorokin schickt das Publikum nach dem Amüsement in die Schocktherapie. Da nehmen, an Fleischhaken hängend, acht menschliche Körper, allesamt Tschechows, den Weg durch ein Schlachthaus zur Herstellung von Tschechow-Proteinen. Menschen werden zerlegt in einer von Menschen angetriebenen Maschinerie. Die Schwarzweiß-Bilder eines Filmes zum Kombinatsjuiläum sind nichts für sensible Gemüter. Angesichts der Großaufnahmen von schlackernden Innereien mag mancher Magen rebelliert haben. Am Ende dieser ekligen Horrorszenerie finden die Tschechow-Proteine als Balsam, Ohrstöpsel, Pflaster, Binden und Tampons zur Präparierung einer Schauspielertruppe Verwendung, die nun wiederum im dritten Teil der Inszenierung Figuren aus gleich fünf Stücken Tschechows lebendig werden lassen: den Gutsbesitzer Iwanow, das Mädchen Nina, Onkel Wanja, den Landarzt Astrow, die drei Schwestern Irina, Mascha und Olga sowie den Diener Firs.

Nein, halt. Lebendig sind diese Kreaturen eigentlich nicht. Jeder redet vor sich hin, von zerstörten Träumen, geplatzten Hoffnungen, tödlicher Langeweile, und keiner hört zu. Alle sind nur mit sich selbst beschäftigt. Keiner ist glücklich, sie sind nur leere Hülsen, die wiederum nur Leere produzieren. Seit Tschechows Zeiten hat sich daran offensichtlich nichts geändert. Die Menschen sind bis heute nicht schlauer geworden, es waltet die gleiche Lethargie wie ehedem – warum sie leben, wozu sie leiden, sie wissen es immer noch nicht. Keiner konnte einem spießigen, dummen, banalen Dasein entrinnen. Kraft zum Durchhalten tanken die Mimen immer dann auf, wenn sie ihr Spiel unterbrechen, um erst handlichen, dann gigantisch großen inneren Tschechow-Organen – Herz, Niere, Luangenflügel (Ausstattung Juan Leon) – wie einer imaginären Macht in einer kultischen Handlung zu huldigen.
Es mag sein, daß der Autor von der Welt und der Menschheit nicht mehr erwartet und seinem Widerwillen auf das irdische Jammertal irgendwie Luft machen muß. Doch die Ödnis der Figuren und des Bühnengeschehens überträgt sich auf die Inszenierung. Schnell ist der Vorrat an Bildern verbraucht. Dann kommt nichts mehr, nur noch Wiederholung. So treibt der Abend dahin in ein Nichts, in dem Absurdes und Groteskes zum Selbstzweck werden. Es ist nicht einmal Ratlosigkeit, die bleibt, sondern einfach Leere. Die Figuren wissen nicht zu berühren, man kann sie nicht einmal, bemitleiden. Abscheu pur, der sich selbst zu genügen scheint. Ob das auch dem Publikum genügt? Die Meinungen bei der Premiere am Mittwochabend jedenfalls gingen mit Buhs und Bravos weit auseinander. Uta Trinks / Freie Presse / Chemnitz 11.11.1994
Kollisionen mit und um Tschechow
Carsten Ludwig inszeniert Sorokins „Jubiläum“ im Kleinen Haus. Mit Carsten Ludwig ist wenige Tag vor der Premiere seines vierten und womöglich für einige Zeit letzten Sorokin-Projekts kaum ein Interview im normalen Frage-und-Antwort-Rhythmus möglich. Der geringste Anstoß genügt, und er breitet aus, was sich da alles an Konzepten und Erfahrungen aufgestaut hat, wenn man so will in einem Zeitraum von über zehn Jahren. Die eigenwillige Tschechow-Adaption des SozArt-Autors stellt dabei womöglich an den Regisseur die geringsten Anforderungen: Einerseits kann er dabei auf Erfahrungen zurückgreifen, andrerseits handelt es sich dabei tatsächlich um so etwas wie ein Stück und nicht um einen Monolog wie etwa zuletzt bei „Ein Monat in Dachau“. Das Besondere daran ist jedoch, eine Produktions- und Sichtweise, die in der freien Szene und mit einem großen Anteil von Laien erprobt wurde, nun auf die Bühne eines Staatstheaters zu bringen.
Es ist eine düstere, irrwitzige Vision: In einem Werk werden TschechowProteine hergestellt, offenbar aus geklonten Tschechow-Individuen verschiedenen Alters, und daraus wieder die verschiedensten Utensilien und Präparate, die letztlich dazu dienen, daß Schauspieler perfekt Tschechow spielen können…
Die Jubiläumsfeier des Betriebes, der inzwischen viele Tonnen Tschechow-Proteine hergestellt hat, findet nun im Theater, just am 9. November statt. Recycling in der Gesellschaft ist das Klammer-Wort, auf das nun auch die deutschen Schicksals-Tage schwere Schatten werfen.Als zweiten Teil des Sücks gibt es einen Film, in dem „Schauspieler des „Kalugaer Theaters“ den Betrieb – die Schauplätze sind bekannt und in Dresden – besichtigen. Und schließlich gipfelt das Ganze in einer Tschechow-Aufführung der besonderen Art: Hierspielt man mit Hilfe oder aufgrund der Tschechow-Proteine gleich mehrere Stücke auf einmal: Die Protragonisten der letzten fünf Bühnenwerke des Autors treffen hier aufeinander, treten mit Teilen ihrer Rollen in einen Pseudo-Dialog. „Sorokins Ansatz war natürlich der. herauszufinden, inwieweit die Texte von ihrer Ur-Ladung mit Leiden, Selbstmitleid, Sehnsucht her doch etwas miteinander zu tun haben“, meint Ludwig. „Und im Grunde ist das ein Angriff auf die Tschechow-Tradition in der sozialistischen Kunst“.
Eine solche Konstellation ist provokant nicht nur im hintergründig-sarkastischen Bezug auf Inhalte, sondern auch in den Anforderungen an die Schaupieler, denen die gewohnte Psychologisierung und Milieu-Einordnung ihrer Figuren verwehrt ist, die mit Texten aufeinander reagieren müssen, die eigentlich gar nicht aufeinander bezogen sind; ob daraus ein spannendes Bühnenereignis entsteht, darauf darf man gespannt sein.
Ludwig hat den ersten Teil, die Feier zum Betriebsjubiläum, mit Laien besetzt. „Die Rede bedient sich einerseits des Vokabulars des sozialistischen Realismus und der Planwirtschaft, inhaltlich aber spricht sie für die Marktwirtschaft. Schon diese Kollision ist ein interessanter Ansatz.“Die andere, die für den Regisseur entscheidende Kollision ist jedoch die der Aussageweisen: der authentischen mit der realistischen. Realismus im Sozialismus war schizophren, fand Ludwig bereits in den 80er Jahren für sich heraus. Unter dem Diktat des gesellschaftlichen Optimismus und der Verehrung seiner Führer wurde es unmöglich, die allgemein im Volk darüber verbreiteten Wertungen und Wendungen auf der Bühne zu artikuieren. Ludwig kam daraus zu der Idee, die „sozialistische Emblematik“, wenn man so will das äußere, vom Selbstverständnis getragene Erscheinungsbild, pur einzusetzen. Das Authentische erscheint dann in einem veränderten Umfeld als Parodie, ohne daß es noch einer satirischen Zuspitzung bedarf. Erst später sei er auf Sorokin gestoßen, sagt Ludwig, „und daß die Methode der SozArt genau dem entsprach, was ich seinerzeit in Senftenberg versucht hatte. Sorokin geht ja so weit zu behaupten, daß er gar kein richtiger Autor sei, sondern nur mit bereits vorhandenem Material operiere.“
Wenn man so will, ist die bevorstehende Premiere auch die Bilanz einer Art Feldversuch mit Theater. „In den letzten Jahren habe ich mich nur noch mit Sorokin beschäftigt, gesteht Ludwig, „und wie es danach weiter geht weiß ich nicht.“ „Die Schlange“, „Der Obelisk“, „Ein Monat in Dachau“ – drei Inszenierungen entstanden mit Ensembles auf Zeit. Inhaltlich gingen sie bis in die Grenzbereiche menschlicher Existenz, begriffen Ernüchterung und Desillusionierung als Chance, die Kette von Haß und Gewalt zu durchbrechen. Die Chorische Interpretation von Szenen, die Auflösung von Protagonisten-Rollen in viele verwandte Individualdeutungen sind methodische, auch ästhetisch eigenständige Ergebnisse, die mehr darstellen als ein Spiel mit ungewohnten Mitteln.
Sie entsprechen vielmehr dem gleichzeitig und real ablaufenden Prozeß von Individualisierung und zunehmender Anonymität, der Austauschbarkeit von Verantwortungsträgern, die letzten Endes nur weit verbreitete Haltungen und Lebensmaximen auf sich vereinen. Und unversehens kommt man so von den real morbiden Zuständen in Rußland zur Beliebigkeit der Informationsgesellschaft. Thomas Petzold
Das Tschechow-Syndrom. Das Jubilaeum von Vladimir Sorokin
Dass etwas nicht stimmt, merkt man schon beim Betreten des Foyers.McDonalds hat im Kleinen Haus des Dresdner Staatsschauspiels einen Imbissstand auf geschlagen, Was fuer ein makabrer Zufall. Denn auf der Buehne wird man gleich sehen, wie sich Viadimir Sorokin die Rettung der russischen Kultur (ausgeblutet und verwahrlost durch siebzig Jahre kommunistischer Herrschaft) vorstellt – naemlich durch eine speziell fuer Theaterleute entwickelte Fast-food-Kur. Oder will dieser literarische Versteckspieler und subversive Vollender des Sozialistischen Realismus ganz im Gegenteil nationalistisch gepraegte Bestrebungen zur Wiedergeburt altrussischer Herrlichkeit persiflieren?
Solche Ambivalenzen sind charakteristisch fuer das erzaehlerische und dramatische Werk des 1955 in Moskau geborenen Konzeptualisten – neben unuebersehbaren westlichen Einfluessen. Verblueffend, wie sehr Sorokins Szenario an den US-Horrorfilm Soilent Green erinnert. Waehrend dort in grossindustriellem Massstab ein drogenaehnliches Vitaminpraeparat aus den Leichen alter Menschen gewonnen wird, die man freilich glauben machte, sie wuerden einem paradiesischen Zustand entgegendaenunern, dreht es sich hier um die Herstellung von CP – von Tschechow-Protein. Das kannibalistische Motiv kommt bei Sorokin immer wieder vor. Doch bleibt es sein Geheimnis – und eine Schwachstelle dieser Science-fiction -, woher die unzaehligen A.P.Tschechows im Alter von 7 bis 86 Jahren stammen, die in dem Sorokinschen Kombinat ausgeweidet werden – im Dienste der Kunst. Denn die Klassiker-Injektion soll selbst mittelmaessige Provinzmimen zu Tschechow-Interpretationen der besonderen Art inspirieren, wie man noch erleben wird.
Sorokins Monstrositaeten unterliegen raschem Verschleiss. Da ist jemand am Werk, der die Enthemmung seiner Protagonisten, die Eskalation alltaeglicher Situationen planmaessig, zuweilen mit grosser Souveraenitaet, auf die Spitze treibt. Brillant ausgedacht, schwach ausgefuehrt – Das Jubilaeum gleicht einer Fundgrube Sorokinscher Obsessionen. Einerseits draengt sich der Gedanke an die Massenvernichtung und die systematische Leichenfledderei in deutschen Konzentrations-lagern auf, andererseits wird die postsowjetische Reformwirtschaft, die noch alle Eigenheiten chaotischer Planoekonomie in sich traegt, verhoehnt. Das ist viel Giftmuell, vielleicht zu viel fuer einen Text, dessen deutsche Ausgabe (Peter Urbans Uebersetzung erschien 1993 im Verlag der Autoren) kaum dreissig Seiten umfasst.
Der Theaterautor Viadimir Sorokin hat ein grundsaetzliches Problem: Seine Stuecke tendieren zum untheatralischen. Oft sind sie nur auseinandergezogene Kurzgeschichten. Und daher tut der Dresdner Regisseur Carsten Ludwig, der Erfahrung mit Sorokins Stoffen hat, das einzig Richtige. Er tritt die Flucht ins Spektakel an. Organisiert eine munter-alberne, anruehrende Betriebsfeier im Kultur-Schlachthof, zum Jubilaeum eben, mit musikalischer Umrahmung, herrlichstem SED- Saechsisch bei den Ansprachen vor einer Bueste des Dr. Tschechow, Ciaqueuren im Saal – und einer Extrawurst fuers deutsche Publikum. Nicht (wie bei Sorokin) das zehnjaehrige Bestehen des Tschechow-Protein-Kombinats wird auf der Dresdner Buehne gefeiert, sondern die schauerliche Erfolgsbilanz von fuenf Jahren. Ein netter, aber zwiespaeltiger Einfall. Denn damit ist man dann im deutschen Vereinigungskabarett gelandet. Und Sorokins grosses, ernstes Thema bleibt bei aller Bloedelei nun einmal Russland und nicht das Verschwinden der DDR. Ein bisschen pervers ist das schon. Denn Sorokin geniesst hier mehr Zuspruch als in seiner Heimat. Andernfalls waere Das Jubilaeum nicht in Deutschland uraufgefuehrt worden, sondern in Russland, in der Originalsprache.
Nach einem Film, der die Feinheiten der Proteinproduktion beschreibt, ganz im Stil stalinistischer Propagandaschinken, folgt deutlich die umstaendlich vorbereitete Tschechow-Darbietung. Auf der Leinwand sah man die Inkubation der Schauspieler, und nun laeuten die Tschechow-Zombies ihr Geisterstuendchen ein. Ausstatter Jüan Leon hat die Buehne mit russischen Genrebildern zugestellt, dazu russische Musik – und die allzu russischen Typen. Drei Schwestern, Onkel Wanja, Iwanow, Kirschgarten und die Moewe: alles vorhanden, alles gleichzeitig.Und alles durcheinander. Acht Darsteller, bewusst gegen die Rollen besetzt, liefern ein Best of Tschechow ab. Zitatenschatz im Zerrspiegel. Ein Lehrstueck aus Leerformeln. Wie in einer Zentrifuge hat Sorokin Anfaenge und Schluesse der Meisterdramen niiteinander vermengt – zu einem erbarmungswuerdigen dramatischen Extrakt. Dieser zutiefst russische Autor, den man im Westen begeistert aufnimmt, aber kaum versteht, wuenscht die Tradition zum Teufel. Und steckt bis zum Hals in ihr drin. Die Figuren haben ihr Gedaechtnis verloren. Und die Wirkung des applizierten Proteins haelt nicht lang vor – staendig muessen die Mutanten die inneren Organe der Tschechows rituell anrufen. Die Buehne fuellt sich mit dinosaurierhaften Fleischklumpen aus Gummi. Alles ist Schwindel und Schwund. Auch Das Jubilaeum: es ist nur ein 75minuetiges Surrogat eines Theaterstuecks vom Reissbrett eines ausgekochten Konstrukteurs, der nach eigenem Bekunden das Theater hasst. Allerdings mit unabsehbaren Nebenwirkungen. Ploetzlich bekommt man Lust auf stinknormales Schauspiel, so wie ein pappig-steriler Hamburger Appetit auf eine gute, alte, fettige Boulette macht.
RUEDIGER SCHAPER, Süddeutsche Zeitung SZ 11.Nov. 1994
Provokation der Langeweile?
Zu Carsten Ludwigs Sorokin-lnszenierung „Das Jubiläum“ im Kleinen HausJeder Mensch, und der Theaterbesucher insbesondere, braucht so seinen Aha-Effekt. Völlig gleichgültig, ob dabei die Signale im Bauch oder Kopf ankommen: Es muß ihn nur etwas erreichen. Schließlich hat er über die Theaterkarte mit dem von ihm beehrten Hause eine Art Nutzungsvertrag abgeschlossen. Deshalb mein Geständnis: Ich bin schlichtweg ratlos. Die neue Sorokin-lnszenierung von Carsten Ludwig, diesmal am Staatsschauspiel Dresden, hat mich und andere im Stich gelassen. Eine Uraufführung: „Das Jubiläum“.
Mit einschlägiger DDR-Erfahrung kann mir der szenische Einstieg mit perfekt organisierter Jubelfeier zum zehnjährigen Bestehen des Tschechow-Protein-Kombinates, dem der Start in die Marktwirtschaft geglückt ist, ein Schmunzeln abringen. Wir erkennen uns noch. Auch die Reihe der „Geehrten“ vordem Vorhang, mit Handschlag und Blume bedacht. Das spielen Laien, die zunächst und dann wieder im Zuschauerraum verteilt sind. Besser aber noch der zur Schau gestellte Film, eine bitterböse Geschichte der Deformation. Die Delegation des Kalugaer Theaters besucht das Kombinat, verfolgt den Prozeß der Gewinnung und Herstellung des klassischen Tschechow-Proteins, das mit Produkten wie CP-Pulver, CP-Binden, CP-Spiralen oder CP-Zäpfchen rundum das Funktionieren auch von Schauspielern garantiert.Es wurden „17 612 A.P. Tschechows im Alter von 7 bis 86 Jahren verarbeitet, mit einem Gesamtgewicht von 881 Tonnen.“Alles kommentiert im noch vertrauten Verlautbarungston. Gleich vor Ort werden die Darsteller mit Tschechow-Protein-Produkten präpariert, in den Inkubator geschoben: Nach Stunden sind sie bereit. Das Spiel kann beginnen.
Man gibt Tschechow an diesem Abend. Ein Knäuel von angerissenen Schicksalen aus fünf Stücken, im Zusammenschnitt nur noch dem Eingeweihten verständlich. Immer wieder durchbrochen durch den „Schrei in die inneren Organe Tschechows“, zu erledigendes Huldigungs-Übel für alle Beteiligten. Zunehmend beherrschen die bedrohlichen Auswüchse der Innereien die Szene (Bühne und Kostüme: Juan Leon). Eine Festvorstellung.
„Carsten Ludwigs Inszenierung von Viadimir Sorokins Jubiläum führt auf ihre Weise die ruhmreiche Tradition Dresdner Tschechow-Inszenierungen wie Drei Schwestern, Onkel Wanja und Schwa-nengesang weiter,“ heißt es in den Ankündigungen des Staatsschauspiels. Es lohnt, darüber nachzudenken. Wahrscheinlich überhaupt Sinn dieser Aufführung. Das Nach-Denken. Jede Menge Fragezeichen, tiefschürfende Überlegungen. Ist doch unmöglich, daß dem Regisseur Carsten Ludwig, der für diese Inszenierung ans Haus geholt wurde, nichts einfallen konnte. Er versteht es, Texte zu hinterfragen, sprudelt bekanntermaßen über von Ideen. Ebenso kaum zu glauben, daß die berufenen Darsteller des Staatsschauspiels seinen Intentionen nicht zu folgen vermochten. Allerdings schienen sie auf der Bühneauch ziemlich alleingelassen, während im Film die Kontraste deutlich herausgearbeitet waren. Es war immerhin amüsant, wie nach der Premiere ein Publikum mit gekrausten Stirnen das Kleine Haus verließ, manche Zuschauer heftig debattierend. Einige schienen sichtlich empört, obwohl sie auf Provokation, und das kann weder bei Sorokin noch Ludwig ausbleiben, doch wohl eingestellt waren. Die Provokation der Langeweile? Das übervolle Maß an Anpassung. Entlarvte Staatsschauspiel-Struktur mit der Zündschnur ins eigene Nest. Soll es das gewesen sein? Wirklich ein Intelligenztest à la Hygienemuseum. Ist dieser Sorokin-Text (keine freie Erfindung des Regisseurs) szenisch überhaupt zu realisieren? Sollte Ludwig an dem umstrittenen russischen Autorgescheitert sein, dem er sich nach „Schlange“, „Obelisk“ und „Dachau“ nun ein viertes Mal freiwillig hingegeben hat. Das wäre doch zu simpel. Mir scheint, ich werde sämtliche zwölf Vorstellungen vom „Jubiläum“ brauchen, um das herauszufinden. Vielleicht noch mal das Textbuch lesen, das Programmheft studieren, mich rundum befragen. Verständlich, daß nicht jeder diese Geduld aufbringen kann. Wenn es mir aber nun nicht gelingt, alles restlos zu klären? Ich auf besagte Tschechow-Proteine als Hilfe gern verzichten möchte. Dann bleibt ein Loch. Gabriele Gorgas
Tschechow und das Trojanische Pferd
„Das Jubiläum“ von Sorokin – im Kiemen Haus inszeniert von Garsten LudwigMit dem Jubiläum in Wladimir Sorokins Stück ist das eines Betriebes gemeint, dessen höchst makabre Produktion der hehren Kunst von Konservation und Konversation dient: Nach dem Zusammenbruch des Sowjetkommunismus erzeugt die nationale „Wiedergeburt“ Prototypen der russischen Literatur und verarbeitet sie per Schlachthaus: Turgenjews, Dostojewskis, Tschechows. Die tonnenweise gewonnenen Proteine der nachgezüchteten Geistesriesen dienen einzig und allein dazu, Schauspielern zur Rollen-Identität mit den Bühnenflguren aus dem 19. Jahrhundert zu verhelfen. Und so kann es dann beispielsweise geschehen, daß sich Protagonisten der letzten fünf Stücke Tschechows gegenseitig ihr Herz ausschütten, eine Aura von Gefühl, persönlichem Schicksal, Sehnsucht, Abschied um sich verbreiten – und trotz allen gestischen Bemühens mit Konsequenz aneinander vorbeireden. Durch die Geschichte sind sie unlösbar mit einander verbunden, durch ihre Geschichten unbarmherzig getrennt. Ein Bild für eine Vereinigung, an die zumindest mit dem Termin dieser Premiere erinnert wird, gewiß. Auch für verbreitete Hilflosigkeit, auf der Bühne wie im Parkett. Was stattfindet, ist Recycling, Wiederverwendung als Zwangsverhalten, Produktion, in der sich der Zweck als Selbstzweck entlarvt. Eine Jubelfeier wird zelebriert mit dem Anspruch auf Markt-Tüchtigkeit, Erfolgsbilanzen, die Unsägliches aufrechnen, mit Ritualen,die bis in die stalinistische Urzeit zurückreichen. Laien spielen die entsprechenden Alltags-Rollen, die einem früheren Leben verwandt sind.
Doch das als solches authentische Spiel ist forciert, und so läuft die Fiktion Gefahr zusammen-zubrechen – zur Parodie, als solche inzwischen überflüssig und vom Thema ablenkend.Doch unversehens sind wir beim zweiten Teil, wieder einer Fiktion, einer filmischen vom „Besuch des Kalugaer Schauspielerensembles“ im Tschechow-Proteinkombinat und der anschließenden Verwandlung in tschechowsche Figuren. Begrüßungsrituale im Festpielhaus Hellerau und im Steinsaal des Hygiene-Museums. Die gläserne Frau stimmt ein auf das, was wir dann sehen werden: Noch zuckende, frisch entnommene Eingeweide im Schlachthaus… Doch dann hat Carsten Ludwig, der diese seine vierte Sorokin-Inszenierung als Gast im Staatsschauspiel herausbrachte, den Autor womöglich zu wörtlich genommen, sich zu sehr auf die vorgegebenen Strukturen verlassen. Schauspieler spielen Schauspieler, dieTschechow-Fragmentespielen – und zu diesem Zweck in unregelmäßigen Abständen per Urschrei mit Tschechows (schließlich überdimen-sional auf die Bühne schwebenden) Innereien kommunizieren müssen. Abgesehen von einer flüchtigen Trance in den verordneten Schaltpausen wird die Schizophrenie perfekt überspielt. Das Staatstheater liefert Emotionen vom Fließband. Kein Aufbegehren, keine Satire, kein Experiment. Es werden lediglich Bilder in fragwürdig-fremdes Licht gesetzt, überdimensionale Porträts und Landschaften, die der Ausstatter Juan Leon dem 19. Jahrhundert nachempfunden hat, und die getreulich, mit liebe fürs psychologische wie habituelle Detail ins Leben gerufenen Figuren. Das Ganze ist eine abrupt endende Vision, eine unaufgelöste Zustandsgleichung. Der solcherart düpierte Zuschauer mag sich fragen, warum er ein Theater honorieren soll, das sich selbst ad absurdum führt. Sicher, das sollte er sich auch an anderen Abenden fragen, die unfreiwillig dasselbe leisten. Ob oder warum und wie dieser dazu beiträgt oder nicht, ist auf jeden Fall des Streites wert und wohl auch des theatralischen Versuches.
Wie weit die Schauspieler -Henriette Cejpek, Vera Irrgäng, HelgaWerner, Sabine Werner, Christian Maria Goebel, Lars Jung, Woifgang Winkler und Christian Worch – die Provokation zum eigenen Anliegen machen, bleibt ungewiß. Vielleicht ist der makellos abgelieferte Beweis einer real existente» Kunst-Fertigkeit die entscheidende Schwäche des Abends. Um sie zur Stärke zu machen, hätte es mehr an Unwägbarem, an spierischem Witz, eben einer echten Collage bedurft, die dem verwendeten Material einen neuen Sinn gibt. So trug die Spielidee kaum eineinhalb Stunden. Mag sein, daß die Präsentation dieses Trojanischen Pferdes vor absolut unprofessionellen Zuschauem einen anderen Reiz hat. Mich würde es wundern, wenn man es lange durchs Repertoire fütterte. Doch auch das Urbild hatte ja seinen Zweck beim ersten Male erfüllt. Tomas Petzold
Das Jubiläum Eine Uraufführung von Vladimir Sorokin in Dresden
Als VIadimir Sorokin, Jahrgang 1955, für seine ersten Erzählungen einen Verleger gefunden hatte, verweigerten sowjetische Setzer die Arbeit. Degoutant, obszön und absurd urteilten die braven Brigadisten über den gelernten Ingenieur der Petrochemie. Dein Vertreter der »Sozart«. Die die sowjetische Realität in ihren krassesten Ausprägungen künstlerisch verarbeitete, huldigte nun das Staatsschauspiel Dresden mit der Uraufführung des Gegenwartsstücks »Das Jubiläum«.
Die Sorokin-Sinnsuchc des Regisseurs Carsten Ludwig arbeitet mit altem Vokabular in neuer Zeit, Laiendarstellern, die sich mit feierlichen Reden berauschen, einem Film. der sich an ekelhaft-ironischen Details von Menschenschlachlung ergötzt und Tschechow im Fünferpack mit Staatsschauspielern: Helden aus »Ivanow«, »Die Möwe«, »Onkel Wanja“ ja«, »Drei Schwestern« und »Der Kirschgarten« stolpern und irren zwischen idyllischen impressionistischen Bildern umher.
Die Figuren faseln Fragmente aus den Stücken, zusammenhanglos prallen Kernsätze und famous last words aufeinander. Überdimensionale Organe als effeklhaschende Seitenhiebe auf Tschechow und Stanislawski degradieren den Theaterbesucher zum Kinofuzzi à la »Natural Born Killers«. Kürzer wäre lecker. So ist es degoutant. Sorokin entlarvt das Kriminelle und Schizophrene der Gesellschaft, indem Tschechows Leitsatz »Am Menschen muß alles schön sein« widerlegt wird. Vielleicht sind wir für diese Inszenierung nicht schizophren und kriminell genug.
MARKUS DEGGERICH, Wochenpost / Berlin / 17.11.1994 _____________________________________________________________
„Stelmako! Stelmako! Obrotak! Obrotak! Wie nicht zusammenwächst, was nicht zusammen will“ Petra Kohse