Lieben Sie Tschaikowski? 1984

Jürgen Groß
„Ein Leiter tadelt die Falschen und zeichnet die Falschen aus“

Regie: Carsten Ludwig a.G.
Dramaturgen: Gesine Carlitscheck, Thomas Teubner
Ausstattung: Egon Zech
Künstlerischer Mitarbeiter: Thomas Bischoff

Darsteller:
Plim / Stellvertretender Betriebsdirektor: Rainer Gruß
Krone / Sekretärin: Juliane Theurer-Willert

Arbeiter:
Hanka Metowa, Volkmar Röhler, Peter Troche spielen beide Gruppen


Überlegungen zum Stück

Beim ersten Lesen erschien die Konstruktion der Fabel von „Lieben Sie Tschaikowski“ wie eine flott und eloquent im Genre einer Verwechslungs-Komödie a la DDR Fernsehtheater Moritzburg.
Könnte man so inszenieren; muß man aber nicht. Denn bei näherer Betrachtung fiel Folgendes auf: Der Autor Jürgen Groß verpasst dem stellvertretenden Betriebsdirektor „Plim“ eine Art sozialistisch-kommunistischer Sprachlogik, die der Realität vorauseilt und jedwede Widerrede (Tatsachen) kategorisch ausschließt. Der Plan ist das Gesetz (es sei: Auszuzeichnen oder zu Strafen).
Unter Genossen ging seinerzeit die selbstbeschwichtigende Redewendung um: „Viele Menschen sind noch nicht so weit…“. Für die Erarbeitung war es notwendig „Plim“ weder als Opportunisten noch als  „100 %“igen Genossen oder gar als Psychoten zu zeigen, weil der innewohnende Überzeugung-Mechanismus undurchschaubar in einem falschen Sinn von: der hat doch einfach nur einen Knacks, privatisiert worden wäre. Die Überzeichnung sollte die Differenz zwischen dem hohen geradezu religiös-ideologischen Anspruch der „Plims“ und ernüchternder Realität anzeigen. 

Zur Erarbeitung

Kurz: Überlegungen zum Marionettentheater; in Abwandlung von Wsewolod Meyerholds „Biomechanik“ und besonders seines „Balagan“1– Konzeptes; das Spiel weitestgehend unpsychologisch, holzschnitthaft zwischen Kälte und Bessenheit; trotzdem beinahe extrem nüchtern und selbstverständlich; keine vertiefende Reflexion; kein pathetisches Innehalten. Die Vorgänge sollten reibungslos wie am Schnürchen laufen. Die äußeren Symbole der sozialistischen Emblematik entsprechend extrem bejahend in Bild, Farbe und Ton.

1 „Definitionen von „Balagan“. Substantiv. Ein Wort für Chaos oder Fiasko entlehnt aus dem modernen Hebräisch (wo es ein Lehnwort aus dem Russischen ist): „Es war ein völliger und kompletter Balagan!“ Tollhaus, Chaos, Pandämonium, Tohubohu, alles auf den Kopf gestellt.“ (Wikipedia)

Skizzenhaft rekonstruierte Inszenierung „Lieben Sie Tschaikowski“ anhand von Proben-Fotos

1. Szene

Stellvertretende Betriebsdirektor Plim und Fräulein Krone. Plim kleidet sich um; Krone reicht ihm Hemd und Jacke; dann Blumen für die Auszuzeichnenden.

Plim: Schöne Blumen!
Krone: Gerade auch noch so.
Plim: Nana …
Krone: Glücklicherweise benötigen wir nur drei.
Plim: Hundert wären mir lieber.
Krone: So?
Plim: Ja, Krone. Ich bin ein unzufriedener Kommunist! …

Krone: Was meinen Sie? Zuerst die Verweise oder zuerst die Prämien?
Plim: Prämien!
Krone: Begründung?
Plim: Wie immer. Hervorragende Arbeitsleistungen. Selbstloses Bewußtsein. Die revolutionäre Waffe, die revolutionäre Norm. … So wollen wir den Stützen der Gesellschaft mal tüchtig die Hand schütteln. Gib den Arbeiter das Seine und er läßt dich nicht alleine. Mein Kampfspruch sollte Schule machen, Krönchen, vielerorts und vielerlands, mehr möchte ich nicht sagen. …Die Vergehen? … 
Krone: Auch schon in der Betriebszeitung. Durchschnittliche Arbeitsleistungen, bis Bummelei. Egoistisches Bewusstsein. Die Norm ist Ihnen eine lästige Waffe. Und sie nehmen immer noch etwas nach Hause. Wie immer.
Plim: Krönchen, mit Ihren Wieimmer haben Sie auch nichts vom Leben. Sagen Sie doch Wiedamals.
Krone: Ist doch so.
Plim: Was so ist, muß deshalb nicht so sein. … Der Plattenspieler?
Krone: Bereit.
Plim: Ich mag Atmosphäre wie einen klaren Standpunkt. Krone, Musik!

https://www.br-klassik.de/themen/klassik-entdecken/starke-stuecke-tschaikowsky-klavierkonzert-100.html
(Wie ein Wolkenbruch fällt ein rotes Tuch aus dem (Theater)Himmel über die Breite der Bühne. Darunter der Stellvertreter des Betriebsdirektors der volkseigenen Brauerei der Genosse Plim. Dazu die ersten Takte aus dem 1. Klavierkonzert von Tschaikowski. (Beliebtes Jingle zu Sendungen „Stimme der DDR“ – z.B. dem „Solidaritätskonzert“ mit dem Titel „Dem Frieden die Freiheit“.)

Plim: Mein Tschaikowski ist da, 
Mein Schöbel ist da, 
Mein Goethe ist da, 
Mein Krönchen ist da. 

So wollen wir den Stützen der Gesellschaft mal tüchtig die Hand schütteln.

(Musik aus.)

Fräulein Krone. Bitte die Kollegen für die Prämien.

2. Szene – Ein Leiter zeichnet die Falschen aus

Auftritt: Frau Plensch, Herr Sommertag und Herr Saupe. 

Plim: Ach, wie bin ich froh! 
(Verwechselt sie…) Moment, Moment.
Saupe: Das können Sie mir glauben, ich war noch nie in so einer Lage, nein.
Plim: Es ist schön, wenn man den Fortschritt am eigenen Leibe spürt,nicht wahr!…
Liebe Kollegen und Mitstreiter…
Meine Kollegin Fräulein Plim kennen Sie bestimmt auch. Sie vertritt die Gewerkschaft. 

Plensch: Ich bin nicht in der Gewerkschaft…

Plim: Kollegin Plensch, beraten Sie sich bitte anschließend mit unserem Fräulein Plim.
Krone: Krone! Ich heiße Krone. Sie heißen Plim.
Plim (lacht:) Wir lachen viel zu selten und viel zu wenig. Das will ich mal unter uns sagen. Also, ja. Haben wir nicht etwa ausreichend Gründe, um mal so zu lachen? Eben. Unser Lachen ist optimistisch Jawohl. Nun… (Er blättert in einem Gedichtband von Goethe; wählt das „Tischlied“ aus; währenddessen:)

Sommertag: Chef. Machen Sie es doch nicht so kompliziert. Wollen wir drumherumreden? 
Plensch: Was soll denn das für ein Ehre sein?
Saupe: Flaute hat irgendwann jeder. Aber wie dann die Sonderschichten anrollten, tja, heute weiß ich, so geht das nicht……

Plim: Tschaikowski, bitte… (Zu den Klängen des 1. Klavierkonzert)
Saupe: Ich war noch nie in so einer Lage. 
Plensch: Vor dem müssen wir auf der Hut sein… 

Plim:„Mich ergreift, ich weiß nicht wie, Himmlisches Behagen. Will mich’s etwa gar hinauf 
Zu den Sternen tragen? Doch ich bleibe lieber hier, kann ich redlich sagen“  
(Plim steigt auf den Tisch und zitiert dann frei:)
Saupe: Um Himmels willen.
Plensch: Ruhig Blut…

Plim: „Wundert euch, ihr Freunde, nicht, wie ich mich gebärde“ 
Sommertag: So was. Nein.
Plim: „Wirklich ist es allerliebst Auf der lieben Erde.“ 
Sommertag: Allerliebst?
Plim: „Darum schwör‘ ich feierlich Und ohn‘ alle Fährde,
Daß ich mich nicht freventlich Wegbegeben werde.“


Plensch: Ich geh immer noch, wann ich will.

Plim: „Gute Freunde ziehen fort, Wohl ein hundert Meilen, 
Darum soll man hier am Ort Anzustoßen eilen…“
Plensch: Traue nicht dem Fürsten, wenn er freundlich wird!
Plim: „Unser König denn voran, Ihm gebührt die Ehre…“
Plensch: Immer die gleiche Leier!
Sommertag: Mir wird das unheimlich, Plensch….

Plim: Vielen Dank, liebe Kollegen. In diesem Sinne Sekt und Sieg und allem Mittelmaß den Krieg… Fräulein Krone, bitte die Blumen…

Während Krone dem stellvertretenden Betriebsdirektor die Augen mit einem schwarzen Tuch verbindet und ihm Bühnenbohrer anstatt Blumen reicht:)

Saupe: Ich war noch nie in so einer Lage. Ich verstehe überhaupt nichts. Aber das Gedicht hat mir gefallen. 
Plim:  Na, bitte, liebe Freunde. Wie ihr wißt, habe ich heute die ehrenvolle Aufgabe, drei unserer hervorragendsten Arbeiter für ihren beispielhaften Kampf auszuzeichnen.
Sommertag:(in Richtung Seitenbühne)
Sie warten schon! 

Plim: Genau. Sie haben es eilig. Sie haben ein Ziel… 
(Plim läuft los, bückt sich und dreht, während er redet, einen Bohrer in den Bühnenboden.)

Plim: Und eines will ich Ihnen nicht verschweigen, liebe Freunde, der Teufel sitzt in der Temperatur.
Jede Hitzeperiode ist für uns eine Entscheidungsschlacht. Die nächste steht bevor. Rüsten wir uns.
Mit Ihrer Erfahrung, (Gratuliert dem Bohrer: „Herzlichen Glückwunsch!;  läuft weiter:) 
Ja, auch mit Ihren Leidenschaften, was wären sie ohne weitsichtige Führung durch Michunddieleitung? …


(Plim gratuliert dem nächsten Bühnenbohrer: Herzlichen Glückwunsch! (läuft weiter.) 
Saupe: Herr Stellvertreter Sie sollen erleben, dass wir gar nicht so sind! Wirklich nicht.
Sommertag: Im Sommer habe ich nie gekniffen..
Plensch: Trotzdem. Merkwürdig ist das schon.
Plim(dreht den letzten Bohrer in das linke Bühnenportal: Jaja, Frau Plensch, es ist merkwürdig gemerkt zu werden. (Plim gratuliert dem Bohrer: Herzlichen Glückwunsch!)
Saupe: Also irgendwas stimmt hier nicht.
Plensch: Ich weiß nicht, ob sich das schickt. Die Vorladung und dann das…
Krone(legt den Arbeitern die Quittung für den Empfang der Geld-Prämie vor:) Unterschreiben Sie. 
Sommertag: Ich unterschreibe nichts. Mit dieser Spendabilität will ich nichts zu tun haben.
Son neumodischer Quark! Ist ja kein Wunder, wenn die Verrohung wieder zunimmt. Für alles kriegst du eine Prämie! Wir haben es ja!
Plensch: Vorsicht, Sommertag. 
Sommertag: Hast recht, Plensch. Zum Schluß verbrenn ich mir mein Maul und kann die Suppe auslöffeln. Unterschrieben wird nichts. 
Plim(nimmt sich die Augenbinde ab:)  Sehen Sie nicht die kleinen Widersprüchlein unseres neuen Lebens zu verbissen, Kollege Sommertag? Aber, aber Sie verfügen über ein scharfes Auge. Das rentiert sich in der Abfüllung, nicht wahr?
Sommertag: Langsam reicht es mir, Chef.
Plim:  Die Wogen der Freude und des Zweifels schlagen hoch! So ist das Leben, so sind wir.
Stoßen wir an! Sekt, Fräulein Plim! Und Musik!…  Kollegen, Kollegen, so ein Tag muß auch mal sein. Tanzen wir ein Tänzchen! Herr Sommertag, Frau Saupe! Frau Plensch, Fräulein Krone! Und alle!
(Die aufgerufenen Paare sind überrascht; tanzen mechanisch; Plim tanzt allein.) 

https://www.youtube.com/watch?v=29wk8FFRtxY

Plensch: He! Sie können einem einen ordentlichen Schreck einjagen…. Warum steht über diese neue Erziehungsmethode noch nichts in der Zeitung?

Plim: Erziehung ist keine Methode! Erziehung ist der Kampf um den werktätigen Menschen,
denn er muß leisten, was wir brauchen!

Krone:  Vergessen wir nicht, dort draußen vor der Türe wartet die andere Seite der Medaille.
Plim(klatscht in die, Hände. Musik aus. Alle bleiben abrupt stehen.): Liebe Kollegen, ich muß sagen, liebe Freunde, nochmals Dank, herzlichen Glückwunsch, auch im persönlichen Leben.
Machen Sie weiter so!
Plensch, Saupe, Sommertag:  So? So? So?
Plim: Wiedersehen. Wiedersehen. Wiedersehen. (Grußlos verlassen sie das Büro.)
Ja, Krönchen, der Arbeiter wandelt sich. Das dürfen Sie mir neidlos eingestehen. Er ist stolz und bescheiden, was wollen Sie mehr?
Hm… komisch, komisch…, was soll sein, reichen Sie die Sünder rein.

3. Szene – Der Leiter tadelt die Falschen

Krone (ruft)Kimmel! Pflog! Semrau!
(Drei Arbeiter marschieren singend, dabei resolut über die Stühle schreitend auf die Zuschauer zu.
Sie singen: Wir sind die Junge Garde!… Plim und Krone reihen sich automatisch mitsingend ein… Das Lied wird nicht eingespielt, sondern von den Schauspielern life gesungen.)
https://www.youtube.com/watch?v=cAEr9g2B2VI

Plim und Krone: (Reihen sich spontan ein und stoppen mitten im Lied: )

Krone: Setzen!
Kimmel: Schönen guten Tag.
Pflog: Guten Tag.
Kimmel: Eine Stimmung, Kollegen? Die hebt das Betriebsklima, was!
Pflog: (sieht das Cover) Frank Schöbel
sah ich neulich im Fernsehen. 
Semrau: Gibt es die Platte noch?
Krone: Bitte, schweigen Sie hier… 
Plim: Viele Klagen sammeln sich in Ihrem Meisterbereich. 


Kimmel: Das kann man laut sagen. 
Plim: Das werde ich tun, verlassen Sie sich darauf. 
Semrau: Anfangs haben wir vieles auf die leichte Schulter genommen, aber die Bummeleien mehrten sich und mehrten sich…
Kimmel: Also fingen wir an mit Rücksprachen und Einzelgesprächen… (Aber)der Mensch ändert sich nicht von heute auf morgen. Er beschwört, er will, du glaubst, er will, aber dann kann er nicht. Das Leben im Betrieb ist eins, das Leben vor der Brauerei ist auch eins. Da, wo sie zusammenstoßen, entsteht das Malheur.
Plim: In unserer volkseigeren Brauerei werden Getränke für die durstige Bevölkerung produziert. Sie erwecken in mir den Eindruck, hier handelte es sich um die Herstellung philosophischer Betrachtungen. Wissen Sie, wie lch das nenne? Sabotage. Aha. da staunen Sie. Sie haben mich also verstanden. Kann es sich ein Stellvertreter des Direktors leisten, Ihre redseligen Rechtfertigungen für schiefe Haltungen unter Wahrung seiner sonst viel gelobten Ruhe in Ruhe anzuhören? Nein! Neinl Nein.
Pflog: Was ist denn passiert
Semrau: Irgendwie hat er nicht unrecht.
Pflog: Wieso, was ist denn?
Semrau: Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, daß wir viel reden und wenig tun. Interessieren wir uns wirklich für die schwachen Kollegen? Oder bügeln wir nur ihre Schwächen zu, damit wir selbst stark erscheinen können.
Pflog: Semrau, so sieht es der Wettbewerb vor.
Semrau: Nein. In Wahrheit ist der Betrieb nur so gut und so stark wie es der einzelne im Betrieb ist. Jawohl, der Kollege Plim hat recht.
Plim: Krone, streichen Sie das aus dem Protokoll, ja!
Sie, muten Sie es sich nicht noch einmal zu, darüber zu befinden, ob ich recht habe oder nicht. Das ist nicht Ihre Aufgabe, Herrschaften. Sie haben gefälligst in der Abfüllung Ihren Mann zu stehen
Semrau: Wir sind in der Wäschrei!
Plim: Das ist jetzt nicht entscheidend.
Kimmel: Hören Sie mal zu, Stellvertreter. Wenn Sie einen schlechten Tag haben, das kommt alles vor in dem Malheur, sind wir morgen da, … oder Sie schicken uns die Mäuse mit der Post…
Plim: Ich laß mir doch nicht von Ihnen vorschreiben wie ich mit Arbeitern meiner volkseigenen Großbrauerei zureden habe. Also werde ich Ihnen auf die Sprünge helfen müssen!…
Pflog: Es ist vielleicht besser, wir gehen. Der hat sie im Kopf.
Semrau: Keine Blumen. Die Flasche ist leer…
Kimmel: Ich sage euch, Plim ist blau. Schweinerei. Kommt; wir gehen. Schweinerei.
Plim (versperrt dea Arbeitern den Ausgang:)  Sie bleiben. Das würde zu ihnen passen. Vor jeder Verantwortung flüchten, so kenne ich Sie. Alle! Alle streichen sie Krone…
Pflog: Schreien Sie nicht in unserem Betrieb!
Plim: Ich argumentiere solange ich kann. Und will!
Kimmel: Hören Sie mal, Sie Komiker, mit dieser Einladung kann ich bis zum Staatsrat gehen…
Plim: Dann gehen Sie, gehen Sie, dort oben denkt man so wie ich.
Krone: Herr Plim. Herr Plim…
Plim: Schon gut… Nehmen Sie Platz. Kritik tut weh …

Plim: Wie Sie da sitzen? Wer traute Ihnen Ihr Sündenregister zu?… Mit dem strengen Verweis ist die sofortige Streichung der Ihnen voreilig oder gutmeinend gewährten Urlaubsplätze verbunden. Natürlich steht Ihnen unser Naherholungszentrum offen.
Kimmel: Ich glaube, mich knutscht ein Elch! 


Pflog: Für wen rackern wir uns ab? Für wen?…
Semrau: Ja, es ist wahr! Die Schicht läuft nicht wie die andere. Aber wir bummeln nicht… Ja, es ist wahr! Es gibt Versammlungen nach Fahrplan und die hängen uns zum Halse raus. Soweit!
Plim: Immerhin sind Sie geständig.
Semrau: Warum locken Sie uns mit Ihrem faulen Trick in Ihr Büro? … Wir haben Sie doch noch nie im Betrieb gesehen. Wie lange sind Sie hier?…
Plim: Eine Fragestunde war nicht beabsichtigt, Herrschaften…
Pflog: Laß sein, Semrau. Das ist ein abgekatertes Spiel…
Kimmel: Mädels. Hier stinkt etwas zum Himmel. Das kriegen wir raus, Herr Stellvertreter. Nehmen Sie darauf einen. Schon im voraus, …
Plim: Herr Kimmel! Meine volkseigene Großbrauerei ist keine lässige Saftbude für Halbstarke und Saboteure!…
Kimmel(springt auf)Plim
Plim: Ich bestreite nicht, daß auch in Ihnen ein guter Kern ruht.
Kimmel: Guter Kern?
Plim: Es liegt ganz bei Ihnen, durch gute Leistungen die kollektive Meinung über Sie zu bessern.
Kimmel: Kollektive Meinung?…
Plim: Der Verweis ist rechtskräftig… Einerseits muß unsere Disziplin hart verteidigt werden, andererseits ist die harte Verteidigung auch ein moralischer….
Kimmel (geht weiter auf Plim zu): Moralischer Anreiz?
Plim (steht auf): Ich hätte Ihnen auch lieber Goethes „Tischlied“ vorgetragen…
(Kimmel nimmt Plims Stuhl und hängt ihn an den Bühnenbohrer des Seitenportals der Bühne.)
Pflog: Kimmel, mach dich nicht unglücklich!
Semrau: Komm, Kimmel, hier haben wir nichts zu suchen. (Werfen die Einladungen auf den Tisch; Plim steckt sie ein.)
Kimmel, Pflog, Semrau verlassen das Büro.

4 Szene

Krone: Herr Plim? Wie geht es Ihnen? Soll der tätliche Übergriff auch in das Protokoll
Plim: Ist noch Sekt da?
Krone: Eine Flasche. Abgezweigt, Herr Plim. Für Sie
Plim(während er sich einen Schuh auszieht) Ich hab‘ bald den Verdacht, mein Krönchen, Ihr Organisationstalent rührt her aus einem Krämerherz…
(Er zieht die Einladungen aus der Jackentasche und liest sie🙂
Was ist das? „Lieber Kollege Kimmel! Ich lade Sie zu einer kleinen Feierstunde ein.
Für hervorragende Leistungen in der Produktion werden Sie mit einer Geldprämie in Höhe von dreihundert Mark ausgezeichnet… Liebe Kollegin Pflog, Ich lade Sie zu einer kleinen Feierstunde ein…“ Krone?  „ Liebe Kollegin Semrau!… Im Namen der Direktion… „ (Plim zieht sich den Strumpf aus.) Ich bin so verwirrt. Die Sünder steckten seine Prämie ein. Ich gab sie ihnen mit Musik und habe ihnen vorgetanzt… (Plim steckt sich einen Holz-Kasperkopf auf den Fuß.)
Krone: Eine Verwechselung. (Sie zieht sich einen Schuh aus, mit verstellter Stimme:) Weil ich die Vorschläge an die Betriebszeitung geben mußte. (Sie setzt sich den Holzkopf der „Liese“ auf ihren Fuß. Folgende Szene mit den Füßen und verstellter Stimme zu spielen)
Plim: Sie mußten? Oh, ha…! Wer ist Ihr Auftraggeber, Fräulein Krone?
Krone: Oh,Sie. Herr Plim Sie!…Oh, ich habe Sie doch so gern Plimmm…!
Plim: Ich bringe Sie uum, ha… Was bilden Sie sich ein? So darf man mit unseren Arbeitern nicht spaßen. So nicht! Wer einmal seinen Chef betrügt, muß selbst dran glauben. … Oh! Oh!  Machen Sie Ihr Testament….Oh! Oh! … Das ist ein Mord… ziehen Sie alle Konsequenzen. Sie sind erledigt..
Krone: Aber ich liebe Sie doch so sehr, OH,OH…
Plim: Krone. Aus! Ich lege Ihnen Ihr Handweeerk. Für immer. Oh! Oh… (dazu Ton: Tschaikowski lauter.)
Schaukasten, Schaukasten, Oh,Oh!! Sie raffinierte Sadistin. Alles an die große Glocke hängen, ha! ha! ha! Der Zufall stellt Sie bloß. Ich bringe Sie um. Ich bin mausetot. Oh!... (Bedroht Krone, Krone weicht zurück.) Meine Sekretärin bricht mir das Genick.Oh, Oh! Fein eingefädelt. Bleiben Sie stehen, Sie Flugente!
Krone: Oh, Oh!!!Ich habe Sie doch so gern. Pliim!!!! 
Plim: Nennen Sie mich nicht Pliiiim. Stellen Sie diesen Tschaikowski ab. Atmosphäre säuseln, Atmosphäre säuseln… Ein Komplott. Das ist ein Komplott. Wer steckt dahinter?… (Sie schlagen ihre Hozköpfe aneinander)… Hier wird Gericht gehalten. Auf der Stelle….Ich bin ruiniert… Und wer hilft mir?
Beide: Oh,Oh,Oh,ha Oh .……….. (Ton: Tschaikowski aus)

Vorhang

Gedächtnis-Protokoll

Zu den Ereignissen am Premierenabend, vom 05. Oktober 1984

Gegen 18 Uhr wurde ich zum Intendanten gerufen.  Im Büro erwartete mich eine Abordnung der SED-Kreisleitung Abteilung Kultur. Man erklärte die Inszenierung „Lieben Sie Tschaikowski“ für abgesetzt; und ich solle zu Beginn des Theaterfestes vor den Vorhang gehen, um die Vorstellung „Lieben Sie Tschaikowski“ abzusagen.
Ich überlegte kurz und erwiderte in etwa:“ dass Sie genügend Zeit gehabt hätten die Proben wie üblich zu besuchen, um ihre Fragen mit dem Ensemble zu diskutieren. Im Augenblick träfen vor allem überregionale Besucher im Haus ein. Zudem ist die Vorstellung ausverkauft. Wenn Sie aber jetzt das von mir verlangen, gehe ich zum Ensemble und bitte es heute Abend nicht aufzutreten.“
Die Genossen besprachen sich untereinander; schließlich wurde mir gesagt: Gut, dann spielen Sie heute Abend das Stück, aber Sie werden in den nächsten Tagen Veränderungen vornehmen.
Ich sagte: Einverstanden. 
Über das Gespräch informierte ich das Ensemble aus Loyalität gegenüber dem Intendanten selbstverständlich nicht; auch weil er mir vorher die Leitung des Schauspiel-Ensemble angeboten und mich für die Inszenierung von „Maß für Maß“ im Frühjahr 1985 vorgesehen hatte. Auf diese Inszenierung bereitete ich mich vor; bis ich im März 1985 ein Brief mit der Absage erhielt, die der Intendant sehr glaubhaft bedauerte. (Anhang 1)
Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, dass er als Intendant nicht mehr darüber verhandeln konnte. Schließlich wurde er Ende der Spielzeit entlassen. (Anhang 2)

Zu den nachfolgenden Änderungen der Inszenierung und einem Gespräch mit der Patenbrigade des Braunkohlenkombinats
In der Woche nach der Premiere besuchten Mitglieder der Kreisleitung die Probe. Sie erklärten, dass es Beschwerde-Briefe von Brigaden des Braunkohle-Kombinats gab, die ihre Empörung über die Darstellung der Arbeiter, besonders die Verwendung des großen roten Tuches sowie des Liedes „Wir sind die junge Garde“ zum Ausdruck brachten.
Darauf fragten die Schauspieler: Dürften wir die Briefe sehen? – – – War nicht möglich.

Aus dem Gespräch mit der Patenbrigade
Brigadier:… Ich würde sagen, es handelt sich hier um keinen Einzelfall, es war das Prinzip…
Arbeiter: … Wir mussten z.B. die Aktivisten vorschlagen, da haben wir eben welche ausgewählt…
… Da war einer, der war etwas langsam … der wurde zum FDJ – Sekretär gemacht…. usw.

Gewünschte Änderungen der wichtigsten Details wurden vom Ensemble wie folgt bewerkstelligt:
Statt roter Fahne wurde am Anfang ein rotes schmales Band zu den ersten Takten des Klavierkonzerts von Tschaikowski vom Schnürboden heruntergelassen; (was zur noch stärkeren Erheiterung beitrug).
– das Lied „Wir sind die junge Garde“ wurde durch „Jetzt fahr’n wir über’n See…“ ersetzt.
(Eine Anspielung auf den Senftenberger See, der durch eine künstliche Flutung entstanden war.)
Brigaden des Senftenberger Bergbau-Kombinats und des Gaskombinats Schwarze Pumpe als auch das weitere Senftenberger Publikum (auch überregional) gratulierten herzlich.
Die Kreisleitung erkannte das Dilemma, konnte zunächst kaum eingreifen, da die Premiere erfolgreich war und die Korrekturen das Amüsement zusätzlich steigerten, infolgedessen vergrößerte sich der Publikumsandrang (Vorbestellungen). Schließlich wurde Spuk nach 11 ausverkauften Vorstellungen beendet. (Anhang 3)


Anhang 1. Brief des Intendanten


Anhang 2 Betreff : Entlassung des Intendanten
Zwei Bildschirmfotos mit der Archivsignatur des Bundesarchiv: DR 1/2/453 (aus dem Netz Frühjahr 2025 /sind nicht mehr abrufbar)


Anhang 3

Neues Deutschland / Ausgabe vom 03.01.1985 / daraus: S.4

https://www.nd-archiv.de/ausgabe/1985-01-03

Uraufführungen beim Theaterfest

„Senftenberg (ND). Mit elf Vorstellungen vor ausverkauftem Hause erwies sich das „Senftenberger Theaterfest“ Ende des vergangenen Jahres als erfolgreich. Das Programm bot sechs Stücke der DDR-Gegenwartsdramatik, darunter fünf Uraufführungen: „Das Meister- Stück“ (Mai), „Egon ist da“ (Drewniok), „Die Haltestelle“ (Troche), „Mein dicker Mantel“ (Wendt), „Abseits“ (Martin) und „Lieben Sie Tschaikowski?“ (J.Groß)“


Kritik Helmar Schramm /TdZ Heft 1/1985 

Theater begegnet uns heute in vielen Maskierungen. Unmerklich fast hat es seine Stammplätze im Alltag besetzt. Im Schatten der Gewohnheit feiert es seine zeremoniellen Feste. Manchmal tritt es uns dort entgegen, wo es keinesfalls an seinem Platz ist und wo wir es am allerwenigsten erwartet hätten. Theaterkunst dagegen muß sich scheinbar fast selbst übertreffen, um Kunst zu bleiben. Nicht selten zeigt sie auf hohe Stelzen, um ihre Besonderheit zu behaupten, zeigt sich in werbender Kostümierung, präsentiert sich als Spektakel, als Fest. Aber nicht immer gelingt es, solche hochgeschraubten Erwartungen wirklich zu erfüllen.

Gleich sechs Stücke von DDR-Autoren wurden im Theater der Bergarbeiter Senftenberg im Rahmen eines »Theaterfestes« herausgebracht: »Das Meisterstück« von Jürgen Mai (UA), danach – die Zuschauer mußten sich nun für eines von vier Angeboten entscheiden – »Mein dicker Mantel« von Albert Wendt (Ring-UA), »Abseits« von Christian Martin (Ring-UA), »Die Haltestelle« von Peter Troche (UA) und »Egon ist da« von Heinz Drewniok, abschließend gab es noch »Lieben Sie Tschaikowski?« von Jürgen Groß. 

Ergänzt wurde das Programm durch ein Gespräch mit Prominenten, die ihre Laufbahn einst am Senftenberger Theater begonnen hatten. Außerdem dokumentierte eine kleine Ausstellung das kontinuierliche Bemühen des Theaters um die DDR-Dramatik. Alles in allem ein beachtlicher Aufwand. Dennoch wirkte die Gesamtkonzeption des Abends nicht überzeugend. Zu sehr bewegte man sich in ganz konventionellen dramaturgischen Bahnen, beschränkte sich darauf, ein paar kleine Stücke mittels thematischem roten Faden zum abendfüllenden Bündel zu schnüren.

So gelang es nicht, die kommunikative Beziehung zwischen Schauspielern und Zuschauern kritisch zu hinterfragen und die Suche nach neuen Wegen überzeugend auszuweisen. Voraussetzung dafür wäre eine viel genauere Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen heutiger Theaterproduktion. Soll die Begegnung von Spielern und Publikum wirklich zum »Fest« werden, bedarf es vielleicht einer Dramaturgie, die nicht primär vom Begriff der Dramatik, sondern eher von einer kritischen Analyse dessen ausgehen müßte, was wir als Feste, Zeremonien, Feiern, Geselligkeit kennen. Solche Ansätze aber wurden für die Gesamtkonzeption des Abends nicht erschlossen. Das fiel um so mehr ins Auge, als Erscheinungsformen ungeselliger Geselligkeit des Alltags und die blinde Gewohnheit steifer Zeremonien (»… so machen wir es jedes Jahr«) in den aufgeführten Stücken betont kritisch thematisiert worden sind.

»Meisterstück« und »Tschaikowski« zeigten ,satirisch zugespitzt die kalte Anonymität leerer Feierlichkeiten; »Abseits« rückte das beziehungslose Nebeneinander eines familiären Feierabends ins fernseh-bläuliche Rampenlicht. Wirklich konsequent jedoch könnte die kritische Auseinandersetzung mit solchen Gesellungsformen nur dann wirken, wenn sie mit dem erkennbaren Versuch einherginge, auch eingeschliffene Formen von »Geselligkeit im Theater« zu überprüfen. In dieser Hinsicht aber ergaben sich aus den Dramaturgien der zusammengestellten Stücke kaum Anregungen. Es wurde ganz deutlich, daß sich Diskussionen um Gegenwartsdramatik nicht nur auf Inhalte, sondern viel stärker auch auf Bauarten, auf Möglichkeiten des dramaturgischen Funktionierens von Stücken beziehen müßten.

Problematisch schien mir die Zusammenstellung der Stücke auch deshalb, weil kaum eine spannungsvolle Ergänzung, gegenseitige Infragestellung und Vertiefung erkennbar wurde; ein großer Bogen zeichnete sich nicht ab. Besonders mangelhaft wirkte das völlige Fehlen einer geschichtlichen Dimension. Das ergab einen seltsamen Kontrast zum flüchtigen Andeuten der Geschichte des Senftenberger Theaters in Prominentengespräch und Wandzeitungsausstellung. 
Das Gesamtbild wurde quasi geprägt durch ein punktuelles Nebeneinander, ein Prinzip der Aufzählung, der Sammlung von lauter Zustandsschilderung.

Das »Meisterstück« von Jürgen Mai, leichtgewichtiger Schwerpunkt des Unternehmens, war mit seinen Schwächen symptomatisch für den ganzen Abend. Viel »Gegenwart«, viel Stoff, ein ganzer Warenhauskatalog aktueller Themen – aber schon hier kein dramaturgisches Konzept. Im Mittelpunkt routierte da ständig ein Parteisekretär auf der Stelle, der verantwortungsvollen, hielt seinen Posten zwischen Telefon, Schreibtisch und Sekretärin.
Drumherum – der Terminkalender machte es möglich – sammelten sich Personen und ihre Darsteller, rundete sich der Alltagskreis. Immer wieder gaben neue Tagesordnungspunkte Gelegenheit für diese und jene Begegnung mit diesem und jenem Stichwortgeber, Gelegenheit dies und das auszusprechen, darunter auch selten Ausgesprochenes, darunter auch Dramatisches. Aber das Theater des Alltags läßt sich nicht so ohne weiteres für die Schaubühne ummodeln. Auch die verspielte Umrahmung mit dem alten Motiv der Theaterwette zwischen Gott und Teufel konnte den dramaturgischen Pferdefuß der Sache nicht verbergen.

Vermutlich hat Gastregisseur Carsten Ludwig im Arbeitsprozeß bald erkannt, daß der Titel des Stückes in mancher Hinsicht täuscht. Mit allen Mitteln versuchte er darum wohl, die schwache Vorlage aufzupumpen, größer zu machen, dem Maß der Hauptbühne anzupassen. Gut beraten war er damit nicht. Seine Inszenierung trug nur dazu bei, die Schwächen ganz krass hervortreten zu lassen und brachte noch zusätzliche Verzerrungen ein. Man spürte die Freude an ungewöhnlichen, überraschenden Bühnenlösungen in mancher Szene, ahnte das Ringen um einen eigenwilligen, unverwechselbaren Stil. Aber die szenische Phantasie entfaltete sich auf eine Weise in den einzelnen Situationen, die den Sinn für das Ganze oft vermissen ließ. Vielversprechende Wirkungen des Augenblicks, pointierte Einzelheiten, Lacherfolge in Kleinigkeiten gingen zu Lasten der ohnehin motivationsschwachen Hauptfigur.

Ähnliches ließe sich über die Inszenierungsweise von »Lieben Sie Tschaikowski?« sagen. Ein pointierter Kabaretteinfall – von Autor Jürgen Groß vorsichtig ausgebaut zum komischen Einakter (Vgl. TaZ 9/81) – wurde auf der Bühne präsentiert wie eine große, bittere Groteske. Aufwendige Gags, grelle Bilderfindungen, akzentuierte Sprachgestaltung und vieldeutige Details suggerierten trügerischen Tiefsinn.
Manchmal schienen sich die Regieambitionen auch ganz gezielt gegen Schwächen der Textvorlage zu richten; immer wieder bildeten die Textbücher als Requisiten einen Bezugspunkt, einen Anhaltspunkt. Das Stück ist mir ein paar Nummern zu klein, schien Regisseur Carsten Ludwig unterschwellig sagen zu wollen, es paßt mir nicht. Aber er hat es inszeniert.

Auch »Abseits« von Karl-Heinz Martin liest sich über weite Strecken hinreichend trist; auch dieses Stück könnte dazu verführen, Regiearbeit auf die bühnenwirksame Einfärbung grauer Banalitäten zu konzentrieren. Annette Klare jedoch ließ sich nicht irritieren, erschloß eine Menge interessanter Kleinigkeiten des Textes, folgte wichtigen Feinheiten des Dialogs mit Behutsamkeit und führte die beiden Darsteller Regina Bode und André Hennicke auf ganz unspektakuläre Weise zu einer beachtlichen Leistung. Da saß einer vorm Fernseher, starrte auf flackernde Fußball-Kampfszenen, flackerte selber vor Spannung zwischen Irrsinnsfreude und hilfloser Wut, berauschte sich an den Bildern, am Bier. Fußball-WM als Ausnahmezustand für eine junge Ehe. Ein kurzes Tätscheln, ein schneller Kuß, ein hingeworfenes Wort – seine Abschirmversuche verlangten ihm nebenbei allerhand ab, zumal die Frau nicht nur gelegentlich durchs Bild lief und sein Fernsehen mit Radioklängen untermalte, nein, sie wollte partout mit ihm reden. Ganz allmähliche Überforderung, Irritation, Aggressivität. Triumphierende Selbstgefälligkeit, höhnende Streitlust. Immer mehr verschwammen die Grenzen zwischen fanatisiertem Zuschauen und entfesseltem Verhalten, immer deutlicher zeichneten sich Vernetzungen ab: grauer Arbeitsalltag, harte Schwarzarbeit, Kampf um Geld und Ansehen, verkrampftes Starren auf familiäre Fernziele, Verlust der Nähe. Schwangerschaft als Bedrohung eines durchgerechneten Glücklichseins. Am Ende erwies sich alles als vielschichtige Symptomatik: wie er beim Tor-Schrei das Fenster aufriß, die Arme ausgestreckt zur kurzen, komischen Höhenflugpose; wie er ihr das »Abseits« mittels Flaschen und Gläsern erklärte; wie er dann über sie herfiel voll ohnmächtiger Gewalt und wie er – stammelnde Ernüchterung – neben ihr hockte, als sie das ungeborene Kind verlor.
Dabei ergaben sich die Zuspitzungen der Situation ganz unaufdringlich aus einer konsequenten Figurenführung. Eine seltsame Komik durchzog das Geschehen, schuf plötzlich kritische Distanz, brachte beiden Figuren aber auch Sympathie ein.
Insgesamt hatte André Hennicke die aktivere Rolle und konnte schauspielerisch stärker überzeugen. Und sehr wichtig war es, daß seine Figur bis zum Schluß (Vergewaltigungsszene) nicht oberflächlich denunziert worden ist; sonst wäre das Entscheidende nicht spielbar gewesen: sein Erschrecken über sich selbst.

Brief einer Zuschauerin

Brief „An den werten Kollegen Ludwig

Premierengeschenk vom Ensemble