Im Herbst 1996 inszenierte ich im Festspielhaus eine Uraufführung des Textes „Mal hören, was noch kommt“ nach einer Erzählung von Hans Joachim Schädlich.
Ursprünglich hatten wir eine Bearbeitung des Romans „Vox“ von Nicholson Baker im Visier. Diese Arbeit wurde mit großem Interesse von Sponsoren und Akteuren unterstützt. Doch Nicholson Baker wollte nicht, das sein Text vertheatert wird, also im Buch verbleibt. Das ist sein Recht und wir mußten es akzeptieren. Es ging um ein Telefongespräch zwischen einer Frau (im Osten der USA) und einem Mann (im Westen der USA), die sich nicht kennen und das Gespräch als Ersatz für eine körperliche Beziehung suchen: Hören und Vorstellen.
Allenthalben geht die Rede vom Ende, vom Ende der Familie, des Jahrhunderts, der Utopien u.s.w., aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit werden einige Milliarden Lebewesen am Morgen des ersten Tages des kommenden Jahrtausends sich die verschlafenen Augen reiben und irgendeinen Kontakt suchen oder abbrechen. Doch heute – vorerst – steht die Bilanz an.
Wir fanden dazu einen korrespondierenden Text, die Erzählung von Hans Joachim Schädlich „Mal hören, was noch kommt“.

Ein Mann liegt auf einer der zahllosen Sterbestationen unserer Gesellschaft und spricht, daß er sagt: „alle Organe stehen auf Halbmast, nur das Gehör funktioniert“. Er hört wie sie sagt, daß sie gesagt hat: „Ein Wunder, daß du noch redest“. Und er sagt, das er zu ihr gesagt hat: „Ich lieg auf’m Rücken und seh‘ die Zimmerdecke. Meine Hände liegen flach auf’m Laken. Die Zimmerdecke ist nicht uninteressant. Sie ist weiß und glatt.“
Hier sagt jemand – und das ist der wesentliche Ansatz für unsere Inszenierung im Festspielhaus – keine kommentierenden Bilder, keine Bewegung, nur der Saal des Festspielhauses als Haut.
Mein Interesse bestand darin, den biologischen Verfall eines menschlichen Körpers mit dem Verfall eines anorganischen Körpers, dem des Gebäudes zu verbinden: beide haben eine Dauer, gekoppelt an Geburt und Tod.
Der holländisch-jüdische Avantgardist Chaim Levano, Schauspieler, Regisseur und Performer aus Holland sprach den Text des Ich-Erzählers.
Kritik
Das Berliner Theatertreffen, alljährlich weltweiter Magnet für die Theaterschaffenden, präsentiert in diesem Jahr Sasha Waltz mit ihrer Produktion „Allee der Kosmonauten“.
Durch die Konfrontation mit der konkreten Wohn- und Lebenssituation der Bewohner einer Plattenbausiedlung im Berliner Bezirk Marzahn ist die Choreographin ein beklemmendes Sozialgefüge auf der Bühne entstehen, ohne dabei die bekannte Komik, Akrobatik und Leichtigkeit im tänzerischen Ausdruck zu verlieren. Das virtuelle Interieur einer imaginSren Wohnung liefert der New Yorker Künstler Elliot Caplan mit seinen Videobildern.
Als Gegengewicht zum Theatertreffen, jedoch nicht als Gegenveranstaltung beschreibt die „taz“ das Berliner Festival „reich & berühmt“: „copy club“ präsentiert eine Neuproduktion, Carsten Ludwig zeigt eine Inszenierung von 1996:
„Mal hören, was noch kommt“
Der mit dem Kleist-Preis der Stadt Würzburg 1996 ausgezeichnete Text von Hans J. Schädlich, in dem ein Ich-Erzähler sein Sterben bespricht, dient Carsten Ludwig als Vorlage, um die Bedeutung des Ohrs als Öffnung zur Welt zu veranschaulichen.
Berliner Theatertreffen 1997 (dpa 01.05.1997)
Mit dieser Inszenierung ist ihm ein sensibler Lebensbericht an der Grenze des Todes gelungen.