Noten und Notate 1989

Vier Jahrzehnte Oper in der DDR ein Portrait

Produktion der Dresdner Musikfestspiele
Premiere: 22. Mai 1989, Kleines Haus des Staatsschauspiel Dresden

Buch: Reiner Zimmermann
Regie: Carsten Ludwig

Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration
Als er siebzig war und war gebrechlich
Drängte es den Lehrer doch nach Ruh
Denn die Güte war im Lande wieder einmal schwächlich
Und die Bosheit nahm an Kräften wieder einmal zu.
Und er gürtete den Schuh.
Daß das weiche Wasser in Bewegung
Mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt.
Du verstehst, das Harte unterliegt.
Darum sei der Zöllner auch bedankt: Er hat sie ihm abverlangt.

B.B.

Die Legende von der Entstehung des Buches „Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration entstand 1938 in Dänemark.

Besetzung:
Andrea Preuß a. G., Suheer Saleh, Lutz Blochberger, Hans-Georg Körbel
Jürgen Hartfiel, Bariton, Thomas Wicklein, Klavier

Kritiken

„Vier Jahrzehnte Oper in der DDR ein Portrait“

Man hätte sich über den üblichen Estraden-Programmzettel ärgern können – doch es kam anders: eine szenische Collage unter der ironisierenden Regie von Carsten Ludwig (Buch Reiner Zimmermann) ließ Handelnde auftreten (Andrea Preuß a. G., Suheer Saleh, Lutz Blochberger, Hans-Georg Körbel), die mit Meßlatten das Gelände sondierten und musikalisch-schöpferische Stationen, z. B. „Marike Weiden“ (Griesbach), „Reiter der Nacht“ (Meyer), oder „Der Schatten“ (Geißler), prüften. Sie sparten nicht mit Widerspruch an ästhetischen Maßstäben, Kompositionsformen, Aufführungsstilen, deckten Mißverständnisse im Entwicklungsprozeß auf. Sie erinnerten an den überholten „Kampf gegen Formalismus“ oder Forderungen nach der „deutschen Nationaloper“. Sie provozierten Meinungen um einstige Ansichten unserer Komponisten, ließen bei eingeblendeten Film-, Video-Opernszenen und gesungenen Beispielen (Jürgen Hartfiel, Bariton, Thomas Wicklein, Klavier) manch peinliches Pathos bewußt werden. Eine unduldsame, mutige Rechenschaftslegung …
Daß sich dennoch dieses oft totgesagte Genre Oper in unserem Lande lebendig
weiterentwickelte, stimmt froh – doch wohin? Hat sich der Kreis gar geschlossen? Ließen Tonbeispiele nicht neue „formalistische“ Züge erkennen? Purzelten die Meßlatten nicht wie Mikadostäbe ins Ungewisse?

Wolfgang Gubisch, Sächsische Zeitung, 24. Mai 1989

Retrospektive: 40 Jahre Oper in der DDR

Die anderthalbstündige Veranstaltung „Noten und Notate“ ließ vier Jahrzehnte Oper in der DDR Revue passieren. Wer sich bilden wollte, konnte hier in Probennütschnitte, Rundfunk- und Schallplattenproduktionen hineinhören, Ausschnitte aus Fernsehaufzeichnungen und Berichten des DEFA-Augenzeugen betrachten; die Live-Beiträge waren leider durch Erkrankung auf wenige Darbietungen von Jürgen Hartfiel (Bariton) und Thomas Wicklern (Klavierbegleitung) reduziert. Für dieses Programm hatte der Musikwissenschaftler Reiner Zimmermann (Buch) Klangbeispiele aus 15 Werken mit Selbstaussagen von Komponisten, mit Zitaten aus Rezensionen, Programmheften und kulturpolitischen Dokumenten zu einer beziehungsreichen Folge montiert, deren mitunter polemisches Moment die vier Sprecher (Andrea Preuss, Suheer Saleh, Lutz Blochberger und Hans-Georg Körbel) durch ironische Brechung hervorhoben. Ein effektvoller, viele Assoziationen ermöglichender Einfall des Regisseurs Garsten Ludwig ergänzte dies; Mit Stangen deutete man zu den Texten nacheinander ein Mikadospiel, Meßinstrumente, Kreuze, Lanzen und anderes an.
Auf verbale Kommentare hatte Zimmermann verzichtet, selbst da, wo eine objektivierende und verständnisvolle Wertung aus heutiger Sicht geboten gewesen wäre. So bestand die Gefahr, daß sich für Besucher ohne Vorkenntnisse im Ergebnis undifferenzierte Urteile über Werke und Komponisten ergaben. Reaktionen wie spöttisches Lächeln und Gelächter waren jedoch mitunter berechtigt, zum Beispiel bei der pauschalen Kritik an Brecht/Dessaus „Die Verurteilung des Lukullus“ in der öffentlich geführten Formalismus-Debatte 1953. Oberhaupt war die Lektion zu den engen Positionen des damaligen Streits sehr offen und informativ. Nach „Thyl Class“ (Kurzbach), „Marike Weiden“ und „Kolumbus“ (Griesbach), „Puntila“ (Dessau) und „Die Blumen von Hiroshima“ (Forest) rückten mit Opern der vergangenen zwanzig Jahre dann uns heute noch unmittelbar berührende Werke mit den sich daran knüpfenden Tendenzen, Kontroversen und Problemen ins Blickfeld: „Einstein“ (Dessau), „Reiter der Nacht“ (Meyer), „Der Schatten“ (Geißler), „R. Hot“ (Goldmann), „Die wundersame Schustersfrau“ (Zimmennann), „Candide“ (Bredemeyer), „Judith“ (Matthus), „Das Gastmahl oder Über die Liebe“ (Katzer) und „Büchner“ (Schenker). Vieles konnte auch hier verständlicherweise nur angedeutet werden, nicht immer schien mir die Auswahl der Noten und Notate geglückt. Zur Bestimmung und Überprüfung eigener Positionen wurde auf jeden Fall herausgefordert, und Friedrich Schenkers fragende Überlegungen zu den Möglichkeiten der Oper angesichts massenkultureller Prozesse in unserer Gesellschaft ließen den Abend nachdenklich ausklingen.

Frank Geißler

Noten und Notate

Vier Jahrzehnte Oper in der DDR
Ein Porträt

Gerade diesem Abend im Kleinen Haus des Staatsschauspiels schien angesichts des Festspielmottos »Vier Jahrzehnte sozialistische Musikkultur« besondere Bedeutung zuzukommen. Aber so ungenau schon der Untertitel (es ging ausschließlich um Musikdramatik von DDR-Komponisten), so diffus und unbefriedigend das ganze Unternehmen, das sich als Produktion der Direktion Dresdner Musikfestspiele darstellte.
Festspieldramaturg Reiner Zimmermann hatte das Buch zu diesem »Porträt« verfaßt. Ein Porträt mag man es nennen, seine Darbietungsform hätte noch die attributiven Bestimmungen »ironisch«, »verzerrt« verdient. Reiner Zimmermann verzichtete auf jedweden eigenen kommentierenden Wortanteil, er verband in chronologischer Weise musikalischen Opemausschnitt (Tonband, Video- und Filmdokument, live durch den Bariton Jürgen Hartfiel) und kulturpolitischen Text (Lauters »Kampf gegen den Formalismus«, ND-Aufruf »Für eine deutsche Nationaloper«), Programmheftaufsätze von Komponisten, Interviewpassagen usw. Allerlei miserabel wiedergegebene und ausgeblendete Musik aus Opern von Paul Dessau, Paul Kurzbach, Karl-Rudi Griesbach, Jean Kurt Forest, E. H. Meyer, Fritz Geißler, Friedrich Goldmann, Udo Zimmermann, Reiner Bredemeyer, Siegfried Matthus, Georg Katzer, Friedrich Schenker.
Schon hier könnte man streiten; Meyers Oper ist kaum signifikant für eine frucht- bare Phase der DDR-Musikdramatik; Matthus‘ »Letzter Schuß« war entwicklungs- bestimmender als vieles andere, fehlt so sehr wie Geißlers »Zerbrochener Krug«, der bedeutsamer ist als dessen »Schatten«; souverän genug sollten wir sein, mit Kunad – hier nicht existent – umgehen zu können; U. Zimmermanns schlicht-tonale Schuster-Romanze »Einst,bei Cordoba« (aus der »Wundersamen Schustersfrau«) ist gewiß das harmloseste Stück aus der beträchtlichen stilistischen Skalenbreite, die Zimmermann beherrscht usw. Da hätte notwendig der Aspekt musikhisto- rischer Objektivität eine elementare Sondierungsfunktion gewinnen müssen; Sachlichkeit, verwoben mit spielerischem Betracht. Warum nicht. Nur gerecht hätte dieses Vorgehen sein müssen. Sonst taugt es nicht.
Den entscheidenden Beitrag, diesen Abend fatal nennen zu dürfen, leistet dann der Regisseur Carsten Ludwig. Er benützt vier junge Schauspieler – Andrea Preuß, Suheer Saleh, Lutz Blochberger, Hans-Georg Körbel -, um jene Texte, die man, wenn man nur will, aus ihrer ästhetischen und politischen Zeitgebundenheit kritisch begreifen kann, ironisch zu demontieren und zu denunzieren. Einfach dies, diese Uralt-Methode der Häme, mit der man Friederike Kempner zur Weltliteratur und Jean-Paul Sartre zum literarischen Provinzler machen kann. Von so einer List, die für einen Moment das Publikum übertölpelt, halte ich nichts, sie mißachtet das für die Kunst uneingeschrieben gültige Gesetznotwendiger individueller Schaffensdifferenziertheit. Ironische Nivellierung – keiner kann leugnen, daß dieser Effekt eintritt – durch Schauspieler, die in uniformer asiatischer Kampfkleidung auf die Bühne schreiten, in den Händen lange Stäbe, die sie mal wie Landvermesser- zirkel, mal wie Lanzen, mal wie Mikadostäbchen, mal wie Pendel, mal wie Wünschelruten verwenden. Zeitlupenhafte, mehr oder weniger komplizierte synchrone Bewegungen, als sprächen die gleichnishaft für Stagnation, Undynamik, Erstarrtheit der Opemdramatik schlechthin. Und auch der unentschlossen auf einer schwankenden Tonhöhe intonierte Saxophonton, mit dem die Akteure kommen und schließlich die Bühne verlassen, signalisiert vielleicht das Zäh-Konventionelle, das festklebende Traditionsverharren von Opemdramatik. Ich sehe dies anders.
Die Texte werden so gesprochen: zerdehnt, Plattes überaus betont, Banales deklamatorisch ritualisiert, selbst Zeitschriften-Namen skandiert, begleitet von schein-heroischen Operngebärden, mit Aufforderungs-Pathos erteilen sich die Komponisten gegenseitig das Wort (»Herr Nowka, bitte!«) usw. Von Minute zu Minute wird dies langweiliger und öde. Vielleicht war unter den Zuschauern jemand, der noch nie mit DDR-Musikdramatik in Berührung gekommen war. Den sind wir los. DDR-Oper muß ihm wie ein Schreckgespenst vorgekommen sein. Es war ja auch ein verfratztes Porträt.

Wolfgang Lange, TdZ, August 1989