Die Schlange 1992

Produktion der Dresdner Musikfestspiele
Uraufführung am 27./28. Mai 1992 im Kleinen Haus des Staatsschauspiels

Das Pfeifen im Wald als szenisch musikalisches Ereignis
Nach einem Roman von Wladimir Sorokin
Übersetzung von Peter Urban

Direktion: Carsten Ludwig
Konzeption u. Bearbeitung des Romans: Carsten Ludwig/Durs Grünbein


Darsteller: Carsten Andörfer, Natalia Basso, Heidemarie Bülow, Eleonore Elstermann, Holger Fuchs, Susanne Ginzel, Stephan Gräber, Nelli Hillig, Florian Hartfiel, Michael Heuser, Horst Hofmann, Christiane Kemter, Brit Koließ, Peter Meining, Anna-Katharina Muck, Andreas Nitsche, Mirjam Oehmichen, Eckhard Otto, Gertraud Platzk, Sascha Plust, Anna Riedl, Ralf Roßmann, Toni Scholz, Ursula Schultz, Heinz Schultz, Heike Thiem, Heinz Tschöp, Brigitte Wähner

Bühnenbild: Matthias Bolz
Kostüme: Kerstin Roßbander
Produktionsleitung: Monika Hildebrand
Musikalische Beratung: Isolde Matkey
Tonaufnahme: Claus Gebauer
Ton: Uwe Lahmann
Licht: Kerstin Meißner
Technische Leitung: Bernd Mahnert

Behavioristisches Schema der Inszenierung in Sonatenhauptsatzform

Exposition

Phase I Zu- und Einordnen
II Eine Störung
III Wetterfühligkeit
IV Das Individuelle

Durchführung

Phase I Sozialreiz und Manipulation
II Reizauslöschung durch Klatsch
III Zum Gliedern bereit
Neben-Motiv 1/2/3/4
IV Nummerierung der Bürger (Menschen)
V Zwischenlagerung der Körper
VI Kollektives Erwachen
VII Funktionskontrolle
VIII Hungerreiz
IX Reizverdrängung durch
“ Volkshochschule“
X Verdauung und Geselligkeit

Reprise

Phase I Ruhe und Stumpfsinn
Nebenmotiv 1/2/3
II Philosophie und allgemeine Kulturkritik
III Auflösung durch Naturereignis
(Regen und Hitze)

Coda „Vorspiel und Paarung“

Phase I Das Angebot
II Von der Häuslichkeit
III Über den Tee
IV Durch den Magen
V Vom Sie zum Du
VI Berührung durch Tanz
VII Die Paarung selbst

Konzept

Wie verhalten sich Menschen, deren Intimsphäre auf die imaginären Freiräume des Schlafes reduziert wurde?

Bei dem Roman DIE SCHLANGE des zur inoffiziellen Moskauer Kunstszene gehörenden Autors Wladimir Sorokin handelt es sich um den Versuch einer fast dokumentarisch getreuen Wiedergabe des Lebens in einer Warteschlange.
So gewöhnlich die Situation des Wartens in einer Mangelgesellschaft, so arttypisch das Verhalten einer Bevölkerung unterm Diktat der absoluten Verwaltung. Der Blick des Verhaltensforschers fällt auf das Dilemma des entmündigten Menschen.
Im Blabla hunderter anonymer Stimmen im Stillstand, in der Vergeblichkeit einer Jagd nach x-beliebigen Waren, wird die Trivialität des enteigneten Alltags sichtbar.
Durch das fortwährende Wispern der Namenlosen dringt fern das Gebell des Pawlowschen Hundes…eine Musik kollektiver Reflexe. Was als Zuflucht bleibt, ist das nackte Begehren, wie am Uranfang, der Trost zweier Körper, die sich am Rande des kollektiven Traumas begegnen. DIE SCHLANGE – ein Kommentar auf das verlorene Paradies.

Diese Arbeit von 1992 war die erste vorbildhafte Bürgerbühnen – Inszenierungform nach 1989 in Dresden.

siehe 17 Variationen auf ein Anthropologisches Thema

Kritik

Reptilienordnung

(Welt) Uraufführung „Die Schlange“ im Kleinen Haus

Am vergangenen Mittwoch, kurz vor Ladenschluß, stehe ich mir in einem unserer famosen Supermärkte die Beine in den Bauch. Nicht, weil ich irgendeiner Ware hinterher wäre, das ist ja nichtmehr unser Problem, sondern, weil die Kassenfrauen vor dem (Männer-)Feiertag einfach überfordert sind. Die Schlange rückt langsarrTvorwärts, ich bin unruhig, weil in Eile: Die Welt- (sollte man nicht besser sagen „die galaktische“?) Uraufführung des szenisch-musikalischen Ereignisses „Die Schlange nach dem gleichnamigen Roman von Wladimir Sorokin im Kleinen Haus steht bevor.
Ich habe „meine“ Schlange also schon hinter mir, sitze mit hängender Zunge im Saal und nehme um mich herum vertraute Gesprächsfetzen wahr: „Sind Sie der letzte?“, „Komme ich nach Ihnen?“, „Ich geh mal eine Minute weg“ etc.
Die Spieler haben sich unters Publikum gemischt, immer mehr beteiligen sich, so viele, daß ich befürchte, der einzige Zuschauer zu sein. Schließlich kommen sie nach vorn, 27 sind es und‘ drängeln sich auf einem Laufsteg, vor einer dreckigen Wand, unter einer Peitschenleuchte. Ein Bild wie auf der Rampe von Auschwitz.
Der Vergleich ist gar nicht so schlecht: Auch sie sind unter einem Zwang dorthin gekommen, unter dem Zwang, etwas ergattern zu müssen. Auch sie werden ums Leben gebracht, durch die überadministrierte osteuropäische Mangelgesellschaft.
Die Schlange drängt nach vorn, zentimeterweise, hält an, sieht, daß „Berechtigte“ vorgezogen werden, empört sich, nimmt den Ladenschluß zur Kenntnis, wird durchnumeriert, schläft am Platz, speit Alpträume aus, erwacht, wird mit vertauschten Namen aufgerufen (macht auch nichts, Hauptsache, die Nummer stimmt), vertreibt sich die Zeit mit demkollektiven Lösen von Kreuzworträtseln, Ausgelassenheit kippt um in Aggression, Schließlich das Gewitter und die Zuflucht einzelner in irgendein Zimmer, indie Trockenheit bei Wein und Bratkartoffeln. Nun ist es immer das Paar Moni Achim, das wir in verschiedenen Spielerkonstellationen sehen. Auf einmal Indiyiduation, die Chance von Liebe, der Orgasmus, es kommt ihnen schon beim Sockenausziehen. Dann wieder Eile, schon wieder „Beziehung“ (ich bring dich hinten rein, da kannst du dir aussuchen, was du brauchst).

Der Abend lebt von der fotorealistischen Wiedergabe verarmter Alltagssprache. Aus den Textfetzen wird Chor, wird Geräusch. Carsten Ludwig und DursGrünbein lassen sich Zeit, Klang entstehen zu lassen, da stecken alle nacheinan der die Zunge heraus, um sie siebenundzwanzigfach zurückfluppen zu lassen, da schmatzt es von links nach rechts und rülpst am Ende, da werden riesige Käsestücken genüßlich-knisternd ausgepackt, da werden unter „oh“ und „aua“ heiße Teebecher durchgereicht, und wenn am Schluß einer Textzeile alle das „wi-ir“ wiederkäuen, entsteht ein Gackern wie auf dem Hühnerhof.

Ludwig und Grünbein schaffen die Gratwanderung, diese Leute nicht nuranalytisch in ihrer zielorientierten Verarmung zu zeichnen, sondern sie auch zu mögen. Das Stück wäre an einem etablierten Theater so nicht denkbar. Amateure sind einbezogen und bringen zur glatten Theatersprache ein Stück Authentizität. Der Preis sind gelegentliche Rhythmusstörungen, aber das tut dem hochinteressanten Abend keinen Abbruch. Das dramaturgische Material verweist auf die osteuropäische Mangelwirtschaft. Wir werden uns demnächst,beim Sommerschlußverkauf, wieder an den Wühltischen drängen. Das ist auch nichts anderes.

Wolf-Dieter Gööck

„Dem Speicheltrichter entronnen“ – „Genossen, wer ist der letzte?“
taz Archiv vom 01.06.1992 von Miriam Schaub