Theater der Bergarbeiter Senftenberg 1984

Die Konzeption, d.h. die Auswahl der Stücke zum „Theaterfest“ oblag dem Intendanten Walter Schmidt und der Chefdramaturgin Gesine Carlitscheck. Ich wurde zunächst als Gast für die Inszenierungen „Mein dicker Mantel“ und „Lieben Sie Tschaikowski? eingeladen. Die Proben fanden zwischen Mai und September 1984 statt. Gegen Ende dieser Proben bat mich der Intendant zusätzlich „Das Meisterstück“ zu inszenieren. In einem persönlichen Gespräch fragte er mich, ob ich Interesse hätte künftig das Schauspielensemble zu leiten; weiterhin würde er mich gern mit der Inszenierung „Maß für Maß“ von Shakespeare im Frühjahr 1985 verpflichten.

Nachfolgend Skizzen zu „Das Meisterstück“ und „Mein dicker Mantel“.
Zur Inszenierung „Lieben Sie Tschaikowski?“ wird noch recherchiert. 


Das Meisterstück

Jürgen Mai
Uraufführung

Regie. Carsten Ludwig a.G.

Musikalische Einrichtung: MD Kurt Natusch

„Gott und Satan gehen eine neue Wette ein. Wer gewinnt, wenn der Wettgegenstand ein sozialistischer Leiter ist?“

Benno Mieht, Volkmar Röhler, Wilfried Keindorf

Gott/Minister: Benno Mieht
Satanael/Direktor: Volkmar Röhler
Engel: Regina Bode, Claudia Jacob
Teuffs: Dieter Kürten, Felix Kochan

Ständig / Parteisekr.: Wilfried Keindorf
Isabell: Rosemarie Schelenz
Sorgenicht: Rainer Gruß
Weiß / FDJ-Sekr.: Andrè Hennicke
Jößnitz: Andreas Hirschfeld
Sandig / Sekretärin: Juliane Theurer-Willert
Journalist: Peter Troche

So erhellend wie dunkel die nachfolgende Rezension. Aus der vollständigen Kritik von Helmar Schramm / TdZ 1/1985 / siehe Anhang/ in Vorbereitung

„Das »Meisterstück« von Jürgen Mai, leichtgewichtiger Schwerpunkt des Unternehmens, war mit seinen Schwächen symptomatisch für den ganzen Abend. Viel »Gegenwart«, viel Stoff, ein ganzer Warenhauskatalog aktueller Themen – aber schon hier kein dramaturgisches Konzept.
Im Mittelpunkt rotierte da ständig ein Parteisekretär auf der Stelle, der verantwortungsvollen, hielt seinen Posten zwischen Telefon, Schreibtisch und Sekretärin.
Drumherum – der Terminkalender machte es möglich – sammelten sich Personen und ihre Darsteller, rundete sich der Alltagskreis…“

Wilfried Keindorf / Andrè Hennicke / Rosemarie Schelenz

Einflug des FDJ-Sekretärs am Seil vor dem Hintergrund mit einem Motiv K.D. Friedrichs „Morgenröte“; davor der gerahmte Erich Honecker. Rechts neben dem Podest mit Schreibtisch lagt ein 4m langes Brett als Steg auf zwei entfernte Böcke das zum Büro führt. Der gewöhnliche Bürger betrat als Bittsteller notgedrungen – seine Balance aus tarierend – das Sekretariat.

Noch einmal wie stets die große Hoffnung zelebrierend…
mit dem Programm „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik…“

Zur Erinnerung

DDR 70er Jahre – Oktoberclub „Das geht los“

Wilfried Keindorf / Peter Troche

Der Parteisekretär erläutert entnervt einem Journalisten die Sachlage.
Stellen Sie sich auf dem SOS-Morse-Band die Konflikte und Lösungen die mit der sozialistischen Planwirtschaft verbunden sind kompakt vor…

Wilfried Keindorf / Peter Troche
Что делать …*

Gedächtnisprotokoll:


Während der Proben zum „Meisterstück“ im September/Oktober 1984 wurden der Intendant und ich zur Bezirksleitung Abteilung Kultur nach Cottbus einbestellt. Während der Fahrt vereinbarten wir keine „Scherereien“ zu machen. Nach kurzer sehr herzlicher Begrüßung, sagte einer der Herren beinahe strahlend vor Zuversicht:„Herr Ludwig wir bleiben hier am Tisch solange sitzen bis wir Sie überzeugt haben, dass sich ein Parteisekretär nicht umbringt!“. Sie besuchten wohl eine der Proben zum „Meisterstück“. Ich wollte nicht zu rasch klein beigeben und verwies auf Gutachten etc. ; schließlich erklärte ich, dass ich eine andere Lösung finden werde.

Auf den Proben für das Schlußbild änderten wir den Vorgang folgendermaßen: Das gesamte Ensemble stand zusammengedrängt um den Schreibtisch; der Parteisekretär Stand darauf und hatte sich die Papierschlange um den Hals gelegt und stieg während des Schlussgesangs unauffällig vom Tisch und wurde darunter entsorgt.
Ende.
„Das Meisterstück“ eröffnete das Theaterfest der Bergarbeiter im 23. Jahr der DDR im großen Saal.

zum Autor Jürgen Mai

https://www.euphrosine.de/files/mailauf.pdf

daraus ein Zitat:

„1983 belegte er bei einem Dramatikerwettbewerb den 3. Platz und sein prämiertes Werk „Das Meisterstück“ wurde in Senftenberg uraufgeführt. Es erlebte allerdings nur 12 Vorstellungen, dann wurde es aus ideologischen Gründen abgesetzt und nie mehr aufgeführt…“

*Das ist kein Text von Jürgen Mai, sondern von mir sinngemäß für die resignative Situation des Parteisekretärs verwendet. Ursprung: „Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewski schrieb das Buch „Was tun?“ Im Gefängnis der Peter-und-Paul-Festung 1863 den Roman Was tun?

Was tun?“ (russisch Что делать?, Tschto delat?, wiss. Transliteration Čto delat‘?) ist eine 1902 erschienene Schrift von Wladimir IljitschLenin“ (Wiki)

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Mein dicker Mantel

Albert Wendt
Regie: Carsten Ludwig a.G.

Ein Mann verläßt seine Familie. Warum kehrt er zurück?

Mann: Benno Mieht
Tochter: Claudia Jacob
Frau: Rosemarie Schelenz
Schwiegermutter: Anne Leiteritz
Kinder: Thomas Mielzarek, Torsten Schumacher

Benno Mieht und Claudia Jacob

Inhalt

Albert Wend schrieb ein intimes Stück. Obgleich im DDR-Alltag angesiedelt, lag ihm ein älterer wiederkehrender Konflikt zwischen Vater und Tochter zu Grunde.
Wir suchten es im Stil psychologischer Wahrscheinlichkeit zu erarbeiten. Benno Mieht, ein alter Barde aus einer Generation, die heute kaum mehr anzutreffen ist, erspielte die dramatische Situation gemeinsam mit Claudia Jacob sehr einfühlsam.

„Die erwachsene Tochter steht vor der Tür ihres Vaters. Die Tochter ist krank und braucht die Hilfe des Vaters. Der Vater verlässt seine neue Familie, eine Frau und zwei Kinder, um die Tochter bis zum Tod zu begleiten. Nach über einem Jahr kehrt er zu seiner Familie zurück. Die Zeit der Abwesenheit hat ihn verändert.“

ARD 1 Hörspieldatenbank

„Der Mann kann seine Familie auf einen Tisch setzen und in die Höhe stemmen. Ein Kerl mit Bärenkraft. Gesund und praktisch. Als seine erkrankte Tochter aus erster Ehe auftaucht und in ihm den dicken Mantel ihrer Kindheit sucht, wirft es den energischen Mann aus der Bahn. Wie kann er mit ihrer schmerzlichen Einsamkeit umgehen. Er verläßt seine Familie und kehrt als ein anderer erst nach dem Tod der Tochter zurück.“

Wikipedia

Leider keine Kritiken. Einladung zu den Potsdamer Werkstattagen im Hans Otto Theater 1985.

Für Interessenten: Hier das bemerkenswerte Hörspiel / Veröffentlichung von 1982 / Rundfunk der DDR