Marsyas 1989

Marsyas oder Der Preis sei nichts Drittes
– ein Stück Musiktheater –

Komposition: Thomas Heyn
Text von Ralph Oehme, frei nach Franz Fühmann
in einer Fassung der Staatsoper Dresden
Kleine Szene der Staatsoper Dresden, Premiere am 28. Januar 1989

Karenina/Euterpe: Claudia Dylla-Neumann*
Julia/Melpomene: Ricarda Seifert*
Monroe/Kafliope: Britta Schwarz*
Vorsänger: Frank Schiller*
Apoll: Andrè Eckert
Marsyas: Lutz Blochberger**

* Mitglied des Opernstudios der Staatsoper Dresden
** Gast vom Staatsschauspiel Dresden

Musikalische Leitung: Thomas Wicklein
Inszenierung: Carsten Ludwig
Ausstattung: Matthias Bolz / Filmbearbeitung: Ray van Zeschau
Dramaturgie: Isolde Matkey Es spielen Mitglieder der Staatskapelle Dresden

Kritiken

Zukunft – Gesetz oder Möglichkeit?

In der Kleinen Szene begann unter dem Motto „Angebote“ eine Woche mit instrumentaler Musik, Gesang und Tanz in zum Teil ungewöhnlichen Formen und Verbindungen. Erster Beitrag war die Uraufführung von „Marsyas oder Der Preis sei nichts Drittes“.
Der Komponist Thomas Heyn (Jahrgang 1953) und der Librettist Ralph Oehme (1954) schrieben das »Stück Musiktheater“, wie sie es nennen, frei nach einer Erzählung, von Franz Fühmann für ein von ihnen gegründetes Leipziger Kammermusiktheater und hatten damit in den vergangenen drei Jahren viel Erfolg. Warum also Uraufführung? – Einmal, weil es sich um eine Überarbeitung handelt. Zum anderen. weil das Werk dem Regisseur ungewöhnlich große Freiräume bietet und so bei jeder Inszenierung zum Teil neu entsteht.

Marsyas war ein phrygischer Satyr, der Apoll bei einem musikalischer Wettstreit unterlag; Apoll ließ dem Verlierer bei lebendigem Leibe die Haut abziehen, – Diese Geschehnisse sind Kern der Handlung, in der drei antike Musen freilich gleichzeitig als Marylin Monroe, Anna Karenina und Julia agieren. Wer während der Musikfestspiele im vergangenen Jahr das Gastspiel des Stralsunder Theaters mit „Krischans Ende“ sah, weiß, daß beide Autoren auch eine „Oper“ mit durchgehender Musik und relativ konventionell erzählter Geschichte schreiben können. Hier wollten sie das nicht – die Handlung wird surreal angegangen, fantasievolle Montage, freie Assoziation statt klassischer Folgerichtigkeit. Musik gibt es nur da, wo ihre Möglichkeiten die des reinen Sprechtheaters übersteigen oder wesentlich ergänzen.

Carsten Ludwig fabulierte szenisch mit enormer Fantasie und ergänzte zudem das Libretto durch Zitate von F. Fühmann, H. Miller und J.Joyce. „Angebote“ ist wohl der treffendste Ausdruck auch für seine Inszenierung. Angebote, sich bei den Szenen etwas zu denken oder sich einfach anderthalb Stunden lang zu zerstreuen und zu amüsieren. Wer mitdenken wollte, stieß bald auf viel Hintersinn.
Freilich stellte dieses Spiel mit Handlungszeiten (von Antike bis Gegenwart), mit Anspielungen und Witzen, mit Alltagsgeschnatter und tragischen Monologen, nicht zuletzt auch mit phonetisch veränderten Worten Ansprüche – man mußte schnell schalten, wenn es beispielsweise nach einer verballhornten Warenhausreklame um Selbstmord ging.
Überwiegen am Anfang, des Abends, die drei Musen waschen schmutzige Wäsche im Meer – das episodische und satirische Moment, so findet sich doch allmählich in der Konfrontation von Marsyas und Apoll eine für Geschlossenheit und inhaltliches Gewicht der Szenenfolge ausschlaggebende Linie.

Dieser Konflikt liefert ein Modell für den Zusammenprall von durch Macht gestützter starrer Haltung mit Ehrlichkeit und Erneuerungswillen. Apoll ist ein distinguierter älterer Herr, der sich Im Glänze seines Ansehens sonnt, sich als Menschenfreund gibt.
Marsyas tritt als genialischer, ein wenig chaotischer, aber ernst-meinender Jüngling gegen ihn an. In einem Science-Fiction-Wettstreit setzt er die Vision einer zum Müllcontainer gewordenen Erde gegen großartige Beschwörung des technischen Fortschritts (illustriert mit Filmaufnahmen von Neil Armstrong Mondaustieg) durch Apoll und verliert, weil den richtenden Musen seine Klarsicht nicht behagt. Die Autoren setzen dem Effekt der tragischen Hinrichtung des Helden (unter einem Sauerstoffzelt) satirisch noch eins drauf: Marsyas wird wiedererweckt. Text des Versöhnungspaktes zwischen ihm und Apoll:
„Da wird sich nichts ändern.“
Lutz Blochberger‘ vom Staatsschauspiel Dresden zeigte den Marsyas als intellektuellen Rebellen, der innerlich zerrissen ist, zum Eifern neigt, der auch Arroganz, Lüsternheit und pennälerhafte Naivität in sich vereint. Seiner mimischen und gestischen Virtuosität konnten Claudia Dylla-Neumann (Karenina/ Euterpe), Ricarda Seifert Julia/Melpomene) und Britta Schwarz (Monroe/Kalliope) zwar kein Pendant liefern, aber wie sie angenehme und unangenehme weibliche Eigenschaften und Haltungen vorspielten, wirkte doch sehr kurzweilig. Vokal ragte Claudia Dylla-Neumann heraus. Auch die beiden mitsingenden Herrn gehören dem Opernstudio an: Frank Schiller machte durch seine volltönende Stimme der Rolle als Vorsänger Ehre. Andre Eckert ließ bei den Auftritten Apolls dessen Macht und demagogische Einstellung spüren.
Die fünf Musiker der Staatskapelle saßen in einem überdimen-sionalen Muschelhorn, dem gewichtigsten Element der von Matthias Bolz entworfenen sparsamen Ausstattung. Unter der Leitung von Thomas Wicklein spielten sie nicht nur ihre Instrumente, sondern waren auch direkt in die Handlung einbezogen. Heyns auf antiken Tonleitern und Gestaltungsweisen basierende Musik klingt erstaunlich treffsicher und flexibel. Durch die Integration auch von Zitaten und Stilzitatcn tut sich eine Weite vom Dramatischen bis Lyrischen, vom Kabarettistischen und Aktionistischen bis zum Meditativen auf. Der lange Applaus machte das eirdeutige Urteil des Publikums deutlich. Ein guter Einstand mit der ersten Inszenierung in der Kleinen Szene. Auch künftig darf man auf derart künstlerisch gültiges Musiktheater hoffen, das neue Rezeptionshaltungen herausbilden hilft.

Frank Geißler 1 / Sächsische Neueste Nachrichten / 04.02.1989

2 Kritiken aus „Musikalische Gesellschaft“ 1990 /1
Die dritten Dresdner Tage der zeitgenössischen Musik / Dresden
I. Von Detlef Gojowy / aus BONNER GENERALANZEIGER, 16.10.1989

Kunst und Politik – ein zeitgemäßes Thema
Wenn man von den politischen Ereignissen jener bewegten Tage absieht (die in Dresden schon in der Woche vor dem 7. Oktober mit allabendlichen Demonstrationen ihren Anfang nahmen, als die ersten Flüchtlingszüge aus Prag hier durchführen), wenn man von allen Diskussionen absieht, in denen gerade überzeugte SED-Mitglieder das Problem diskutierten, wie man diese Regierung zum Nachdenken bekäme, dann wären in der Tat die künstlerischen Ereignisse, die die DDR selbst hervorbrachte, die wichtigsten und beeindruckendsten: Kunst in der aufgezwungenen, wachen Auseinandersetzung kennt keine Zweifel über das Wozu und Wohin.

Wünsche und Sehnsüchte
Die Kultur werde zum Brennspiegel der Wünsche und Sehnsüchte des Volkes, äußerte Hermann Kant, Vorsitzender des DDR-Schriftstellerverbandes, auf einer jener kunsttheoretlschen Diskussionen im „Dresdner Zentrum für zeitgenössische Musik“, die dieses Jahr – wirklich ahnungsvoll! – dem Thema „Kunst und Politik“ gewidmet waren und infolgedessen zum Austragungsort der aktuellsten Probleme wurden. Die Bücher der DDR-Autoren seien deshalb so erfolgreich, weil in ihnen stehe, was in den Zeitungen nicht steht. Mit solchen Texten, wie sie nicht im Neuen Deutschland stehen (Kant: „nur noch zentrales Machtorgan“) beschäftigen sich vertonend auch gerade jene jungen Komponisten, die vom „Dresdner Zentrum für zeitgenössische Musik“ unter der Leitung von Udo Zimmermann Kompositions-aufträge erhalten – z. B. Henry Koch mit Texten von Heiner Müller über Lügen, die nur von dem Lügner selbst geglaubt werden, in seiner Kammer-Deklamation „ohne Würde“ — uraufgeführt vom Ensemble Berlin Neue Musik unter Hans Jürgen Wenzel. Im gleichen Konzert erklangen die „Musik für Kammer-ensemble“ von Silke Fraikin, besinnliche Stimmungen im Sinne der Wiener Schule polternden Strukturen der Gewalt konfrontierend (die Gewalt als Thema war ja auch bei den jüngsten Schöpfungen auf der Gaudeamus-Woche zu verfolgen). In gleicher Gegenüberstellung legte Lutz Glandien seine Georg Katzer gewidmete Komposition „weiter so“ für Tonband und Streichquartett an, während Ulrike Geißler ihre „Assoziationen zu Bildern von Paul Klee“ aus den Spannungsfeldern des Bauhausmeisters entwickelt.
Wohlgemerkt: das Erbe des Dessauer Bauhauses, in den frühen Jahren der DDR-Politik als bürgerlich-dekadent bekämpft und totgeschwiegen, erfreut sich inzwischen höchster Wertschätzung (auch als Thema eines der Kolloquien) und wird geradezu als nationales Kulturerbe der DDR in Anspruch genommen; schon im letzten Jahr waren hier „Bauhaus-Tänze“ aufgeführt worden, und Abschluss-veranstaltungen in diesem Jahr bildeten zwei Gastspiele der West-Berliner Akademie der Künste mit Oskar Schlemmers „Triadischem Ballett“.
All jene Arbeiten junger DDR-Künstler zeigen, was ihre westlichen Zeitgenossen oft vermissen lassen: Zielsicherheit und Formenstrenge, Zuversicht und eine emotionelle Rhetorik. Liegt es nun an der Lehrerpersönlichkeit Udo Zimmermanns (aber nicht alle waren seine Schüler!) oder an der allgemeinen Situation, die Künstlern ihre Sensibilität abfordert und den Mut, ihr eigenes Wort zu sagen — vielleicht verschlüsselt und klassizistisch verpackt, was aber noch den ästhetischen Reiz erhöhen mag?
Ein geradezu Offenbachscher Höhepunkt solchen Beginnens war Thomas Heyns Kammeroper „Marsyas oder der Preis sei nichts Drittes“ auf Texte von Ralph Oehme frei nach Franz Fühmann. In heiterer und respektloser Brechung antiker Motive (die drei Musen werden zeitweise zur lautstarken feministischen Basisgruppe, um dann doch umzufallen und dem starken Gott Apollo ihre Unterwürfigkeit zu beweisen. spielt sich in Wahrheit eine Tragödie der Abhängigkeit und Ohnmacht ab, wie sie von den Betroffenen des realen Sozialismus wohl verstanden wird:
Der Satyr Marsyas, der das kunstvolle Flötenspiel erfand, hat im sogenannten Wettkampf gegen den mächtigen Apollo nicht die mindeste Chance, und der Preis dieses Wettkampfs ‚ist eben „nichts Drittes“, sondern der Unterlegene fällt dem Sieger in Person zum Opfer: Apollo läßt – schon in der antiken Legende wohlgemerkt – seinem unliebsamen Konkurrenten bei lebendigem Leibe die Haut abziehen. Die zeitgenössischen Spielzeugen kommentieren dies zum Schluß, allesamt aus einem Buch vorlesend: „Es wird sich nichts ändern!“ Reformen sind nicht in Sicht. Es sei denn, man betrachtete die Existenz solcher Kunst, die Existenz des ganzen Dresdner Festivals schon als Reform. Der Freimut der hier seit drei Jahren geführten, mit allen stalinistischen Tabus rückhaltlos aufräumenden Diskussionen, deren Argumente – man ist sich darüber im klaren – andernorts noch Wasserwerfern und Gummiknüppeln begegnen könnten, die beflissene Sachlichkeit und Objektivität allein des Programmheftes, das über zumeist unbekannte musikalische Sochverhalte informiert – noch immer haben sich westliche Gäste hier wohl und wie zu Hause gefühlt.

Detlef Gojowy (von der Zeitschrift gekürzt)

II. Hans-Klaus Jungheinrich aus FRANKFURTER RUNDSCHAU 12.10. 1989 (von Autoren der Zeitschrift „Musikalische Gesellschaft“ 1990 /1 gekürzt)

(Herrmann Kant, der) glättend und abwiegelnd zu agieren versuchte, äußerte in Dresden jetzt seine „große Wut“ über die Verlogenheit der DDR-Medien, die das Volk für dumm verkauften. Er sagte, er komme derzeit gar nicht mehr zum Dichten, weil er nur noch mit dem Schreiben von Briefen an Parteispitzen und Mediengewaltige beschäftigt sei – Briefe, auf die er offenbar keine Antwort bekommt. Beschwörend klagte er am Diskussionstisch mehr Presse- und Meinungsfreiheit ein, erbat und erflehte sie förmlich von den „Genossen“ der Staatsführung, die er gleichwohl weiterhin als seine Genossen betrachten möchte — „denn andere habe Ich nicht“.
Ob Kants Position überhaupt noch eine größere Basis bei den DDR-Intellektuellen hat, erscheint indes als zweifelhaft. [. . .] Ob expressis verbis formuliert oder als selbstverständliche Prämisse vorausgesetzt:
Es schien nahezu ein Konsens zu bestehen darüber, daß dos Vertrauen zu dieser Partei- und Staatsführung unwiederherstellbar verloren sei. [. . .] Fast rührend war es, als sich in der Diskussion ein offenbar für Kunstfragen zuständiger Funktionär (der mittleren Ebene) zu Wort meldete. Schon seine Anrede ans Publikum – „Genossen“ – hatte in diesem Rahmen beinahe etwas von einem milden Fauxpas. (Bedauerlich, wie gute Wörter im offiziellen Gebrauch zu ekelhaften Worthülsen werden. Ein Vorgang, der die Nutzlosigkeit von Propaganda erweist. Menschen sind vielleicht von Reichtum verführbar, aber nicht durch eine drakonische Erziehungsdidaktur zu manipulieren.) Als er dann Harmonie zu spenden trachtete mit der Verkündigung, diese Veranstaltung mit all ihren liberalen Spielräumen sei ja von oben „gewollt“, und deshalb sei alles in bestem Einvernehmen, geisterte durch die Zuhörerreihen so etwas wie eine Wolke von amüsierter Leidgeprüftheit. [. . ,] Die kompositorischen Äußerungen waren in diesem Punkt deutlicher. Lutz Glandien (geb. 1954) kontrastierte in seinem Stück „weiter so“ autoritäre Tonbandgesten mit „subjektiven“ Kommentaren der schließlich zu „erstarrten“ Tonrepetitionen verängstigten fünf Streicher. Der die Entfremdung des eigenen Sprechens herbeiführende Lautsprecher – eine fast primitive Symbolik, deren realistischer Abbildcharakter angesichts von primitiven Phänomenen der Bevormundung aber kaum zu leugnen ist. Ähnlich plakativ läßt Henry Koch (Jahrgang 1960) zwei Sprecher und ein Kammer-ensemble kontrastieren in dem Stück „ohne Würde“ nach einigen Textfragmenten aus Heiner Müllers „Hamletmaschine“, ohne daß die grausame Giftigkeit des Wortmülls brennspiegelartig in musikalischen Gestalten sich verdichtete. Erheblich braver und blasser die Beiträge zweier Komponistinnen: Silke Fraikins friedfertige „Musik für Kammerensemble“ und Ulrike Geißlers um Strukturanalogien bemühte „Assoziationen zu Bildern von Paul Klee“.
Von den DDR-Komponisten der mittleren Generation kam Reiner Bredemeyer mit ebenso kauzigen wie gehaltvoll-nonkonformistischen Werken zu Gehör. Von Paul-Heinz Dittrich gab es, gesungen von Sigune von Osten, die ersten beiden Teile einer equilibristischen Vokalsolostudie nach einem Gedicht von Paul Celan („Singbarer Restil“). Zu Ehren der 200jährigen Französischen Revolution wurden zudem eine Reihe von Auftragswerken des Dresdner Zentrums für zeitgenössische Musik aus der Taufe gehoben.
Zum Pfiffigsten gehörte die Kammeroper „Marsyas“ von Thomas Heyn (geb. 1953), nach einem Franz Fühmann-Sujet bearbeitet von Ralph Oehme. Der mythologische Wettkampf zwischen dem Silen Marsyas und dem Lichtgott Apollon ist hier Anlaß für hintersinnige theatralische Betrachtungen über Anarchie und Ordnung, über den Zwangscharakter geschlossener Systeme und die Ausbruchsenergie des „wilden Denkens“. Musikalisch realisiert sich das zum Teil in Variationen der Schumannschen „Träumerei“ (Apollon am Synthesizer). Frech, persiflierend und direkt zupackend wie die musikalische Diktion war auch die Darstellung durch Mitglieder des Dresdner Opernstudios und dem vorzüglichen Marsyas-Schauspieler Lutz Blochberger in einer Inszenierung von Carsten Ludwig.

Die Musiktage, in ihrer Ausstrahlungskraft sicherlich zu den bedeutendsten Aktivitäten der neuen Musik in der DDR zählend, zudem weltoffen und vielseitig informierend, standen diesmal im Schatten politischer Ereignisse von möglicherweise historischer Tragweite. Auch die Besucher von auswärts konnten sich schwerlich diesem Sog entziehen. Eine ruhige, gelassene Wahrnehmung
musikalischer Novitäten war in dieser „verdichteten Zeit“ angesichts sich überstürzender Nachrichten, Gerüchte, Aktivitäten, all der erregten Diskussionen und wechselvoller Erlebnisse auf den Straßen, kaum möglich. überfrachtet mit Eindrücken fuhr man heimwärts der Grenze zu und beneidete nicht die blauen FDJ-Kinder, die auf der Gegenfahrbahn in fünfzehn Bussen aus dem Thüringischen nach Berlin zum Jubiläumsjubel gekarrt wurden. Es könnte freilich sein, dass diese DDR, wie wir sie seit dreißig und mehr Jahren kennen, schon in einem halben Jahr nicht mehr wiederzuerkennen sein wird.

Material zu „Marsyas“

James Joyce „Finnegans Wake“
daraus Anfangstext aus Kapitel „Anna Livia Plurabelle“

Entrè der drei Nyphen:

Oh! Erzähle mir alles über Anna Livia! Alles will ich von Anna Livia wissen!
Du kennst doch Anna Livia?
Aber natürlich, wir alle kennen Anna Livia.
Erzähle mir alles, erzähl’s mir sofort.
Lachst dich kaputt, wenn du es hörst.
Na, du weißt doch, als der alte Holdrio hopps ging und tat, was du weißt.
Ja, das weiß ich. Weiter, weiter!
Wasch du deine Wäsche und mach kein Gewäsch.
Kremple die Ärmel hoch, laß klöppeln die Zunge.
Paß doch auf, bock mich nicht, wenn du dich bückst.
Oder was alles sie ihm zu beweisen sich erdreisten,
was er in Pfuinix-Park zu entzweien versuchte.
Ein ganz dreckiger Lümmel, das ist er.
Was ist das für sein Hemd!
Wie ist das für ein Schmutz!
Hat mein Wasser mir ganz schwarz gemacht.
Eine ganze Woghe schwimmt das und schwemmt das.
Oft und wie oft hab ich’s gewaschen?
Auswendig kenn ich die Stellen, die er gerne beschludert, son lausiges Luder!
Die Hände zerfetzt, von Hunger gehöhlt, mach ich seine Leibwäsch vor Krethi und
Plethi.
Hau feste drauf mit dem Schlagholz, daß endlich es rhein wird.
Meine Handgelänke sind rostig vom Reiben der verweserten Flecken.
Welche Neiße der Pleiße, und Gangeräne der Sünde stecken da drina, o yemen, o je!
Aber was tat er tun, war’s nur Geschwänz, am Tierzon Tag?
Wie lang saß er im Loch, mit dem Boden als See.
In den Zittigen las Majadas Wasser tat, niedliche Weibsen und tolle Karle, Staarkanwalt gegen Humphrey, wegen geheimen Schnapsens und allerlei Unfugs.
Aber Zeit zeigt’s zeitig.
Wird sich schon zeigen.
Du stundest die Flut, doch sie eilet mit Weile.
Wer Springwind sät, Herbstleid erntet.
0 der rülpsende Raufboldrüpel!
Geminxte Ehe und Liebesgekackel.
Uferzier war im Recht, sein Rival doch sinister.
Und sein Gang! Und seih Hang! …

Franz Fühmann
aus „Unter den Paranyas“

Der Traum von Apollons Gabe

Ich liege hier in diesem Traumland im Bett und erwache von einem sauren Gestank. Decke, Wände, Fußboden, Bett und auch ich sind mit Kot beschmiert, der; ohne aus mir zu quellen, zusehends mehr wird. Ich springe entsetzt auf die Beine und will mich waschen, doch vor mir stehen unsichtbar und wie gotische Ritter übereinander gedrängt im Raum und flüstern, Apollon sei hiergewesen und habe ein Geschenk hinterlassen: ein kirschgroßes Stück Gold, von den jeder sein Korn erhalten habe. Aber das ist doch Kot! denke ich verstört und die Unsichtbaren murneln zornig: Lästere Gott nicht, sonst strafen wir dich! Ich versuche wieder einzuschlafen, doch der Gestank ist unerträglich. Da klatscht mir ein Batzen Kot ins Gesicht. Mag kommen was will! denke ich und stürze zur Tür, ich will in den Waschraum und glaube schon das scharfe zischen des Wassers zu hören, doch es sind die Stimmen der Unsichtbaren; sie rufen ein ums andre Mal: Wehe! Und einer sagt schmerzlich: Er mißachtet das Gold! Kot ist das, stammle ich, und da wurde ich auf mich selber wütend und brülle: Was fallt ihr darauf alle herein? Auch das Wort Kot ist viel zu nobel, das ist nicht Apollons Kot, das ist Scheiße, stinkende, dreckige Menschen-Scheiße – und da ich dies brülle erstarrt die Welt. Der Vorhang, der eben noch ins offene Fenster weht, erstarrt wie das Fenster: Eisblumen, vereister Wind, die Dielen krachen, Gletecherwände, und draußen, unendlich, arktisches Land. Eishügel, Eisseen, und die Unsichtbaren sind harsch geworden; es klirrt und knistert, aber ich achte nicht mehr darauf, hellwach vor Kälte!
(Fassung v. 1973)

nach H. Miller

Marsyas:
„Ich blicke von einer Brücke auf einen Schaumfleck nieder, auf eine Lache Öl oder ein Stück Holz oder ein leeres Boot. Die Welt zieht drunten im Wasser kopfstehend vorbei, und der Schmerz, wie ein Licht aufblitzend, verzehrt die Eingeweide, die Seiten bersten, alle Knorpel werden von Speeren durchbohrt, das ganze Gerüst des Körpers löst sich in Nichts auf. Durch uns hindurch ziehen seltsame Worte aus der alten Welt, Zeichen und Vorbedeutungen, die Schrift an der Wand, der Spalt in der Tür in der Wissenschaft, die Kartenspieler mit ihren Tonpfeifen, der gegen den Hintergrund der Fabrik aufragende hagere Baum, die schwarzen Hände, die selbst im Tod die Flecken nicht verlieren. Man geht nachts durch die Straße, wenn die Brücke wie eine Harfe gegen den Himmel gestellt ist, und die schlafverklebten Augen brennen sich in die Häuser ein, deflorieren die wände, die Treppen brechen in einer Rauchwolke zusammen und dia Ratten trippeln über die Decke, eine Stimme wird gegen die Tür genagelt, und lange, kriechende Wesen mit haarfeinen Antennen und tausend Beinen fallen wie Schweißtropfen von den Röhren nieder. Man marschiert in runden Käfigen auf gleitenden Ebenen die Wände des Käfigs durch welche die Sterne und Wolken schimmern, drehen sich, und die Männer und Frauen haben alle Schwänze oder Klauen, während über allen Dingen die Buchstaben des Alphabets in Eisen und Manganit geschrieben sind. Man rennt in einem runden Käfig unter dem Rollen des Trommelfeuers herum.
Das Theater brennt, aber die Schauspieler sprechen weiter. Die Blase platzt, die Zähne fallen aus, das Wehklagen des Clows ist wie das Geräusch fallender Haarschuppen. In mondlosen Nächten wandert man im Kratertal, im Tal erloschener Feuer und gebleichter Schädel, von Vögeln ohne Flügel. Rund und rund geht man und sucht die Nabe und den Knoten der Dinge, aber die Feuer sind zu Asche ausgebrannt, und das Geschlecht der Dinge ist im Finger eines Handschuhs verborgen.

Antonin Artaud aus „Das Streben nach Fäkalität“

Da, wo es nach Scheiße riecht,
riecht es nach Leben.
Der Mensch hätte durchaus nicht scheißen können,
aber er hat gewählt zu scheißen,
wie er gewählt hat zu leben,
anstatt zuzustimmen, tot zu leben.

Und um nicht Kacka zu machen,
hätte er zustimmen müssen,
nicht zu leben,
aber er hat sich nicht entschließen können,
das Leben
zu verlieren,
das heißt: lebendig zu sterben.

Es gibt im Leben
etwas besonders Verführerisches für
den Menschen
und dieses Etwas ist, mit Recht,
DIE KACKA.
(Hier Gebrüll.)

Um existieren zu können, genügt es, sich zum Leben hinreißen
zu lassen,
aber um Leben zu können,
muß man jemand sein,
um jemand sein zu können,
muß man KNOCHEN haben,
keine Angst haben, KNOCHEN zu zeigen
und währenddessen das Fleisch zu verlieren.