Wladimir Sorokin wird 1955 im Gebiet Moskau geboren. Ausgebildet als Ingenieur für Petrolchemie und Gasindustrie findet er über den Umweg der bildenden Kunst zur Literatur. Mitte der 70er Jahre gerät er unter die Maler und Schriftsteller des Moskauer »Underground« in den Kreis der Konzeptualisten – llya Kabakow, Erik Bulatow, Andrej Monastyrskij. Diese Künstler knüpfen an Traditionen der klassischen Avantgarde an. Jenseits der Opposition, zwischen offizieller und inoffizieller Kunst, in der Sowjetunion zu Hause, haben sie in einer Phase poststalinistischer Besinnung begonnen in sezierendem Spiel, den Formenkanon des Sozialistischen Realismus zu zitieren und entwickelten dabei die sogenannte Soz-Art. Wladimir Sorokin lebte in Moskau und schrieb 1992 den Roman.
Der Regisseur Carsten Ludwig hat fünf Episoden aus dem Roman für das Theater bearbeitet.
(Originalankündigung des Hellerau e.V 1993)
Darsteller: Hansgünter Baldauf, Juliane Barske, Jörg Biester, Martina Coturier, Gerti Eichler, Holger Fuchs, Christian Maria Göbel, Monika Hildebrand, Nelli Hillig, Lars Jung/Michael Heuser, Nora Kramer, Marianne Lindenthal, Katrin Meinert, Peter Meining, Anna-Katharina Muck, Gertraude Platzk, Marianne Pohl, Uwe Preuß, Ralf Roßmann, Heinz Schulz, Thomas Stecher, Julia Vincze
Produktion u. Regie: Carsten Ludwig Kostüme: Harriet Böge, Angelika Wedde Technische Einrichtung: Daniel Weise Licht: Steffen Wodniczak Ton / Komposition / Videoschnitt: Andrej Bavtschenkov Ton-Mitarbeit: Uwe Gönnert Pyrotechnik: Tilo Ebert
Szenenfolge
Prolog „Saisoneröffnung„ Die Kunst in der UdSSR wurde nicht nur als ideologische, sondern auch als handwerkliche Tätigkeit begriffen. Ähnlich wie das Beachten des goldenen Schnittes, kann das Zerlegen eines Wildes überzeugen.
Die Geologen Wenn Argumente versagen, bleibt die Zuflucht in das kollektive Unterbewußte. Die zur Ratlosigkeit geneigte fachliche Diskussion weicht der charismatischen Macht des Geheimnisses.
Die Freistunde Die Erziehung verhält sich zur Sexualität, wie das Zeitalter der Aufklärung zu Atlantis. Man beschreibt eine Insel in allen Details, um den Preis, sich nie auf ihr sehen zu lassen. Die vorangestellte gute Absicht verdeckt die Tat-aus-Überzeugung vor Jemandem, dem es geschieht.
Der Ruf zum Direktor Der Drang nach Erkenntnis zum Wohle des Volkes verändert die gesellschaftliche Betrachtung. Wort und Bedeutung fallen auseinander. Die Gesellschaft, ein gesunder Körper, der auch Wasser läßt. Baden geht die Vision nur dann, wenn der Plan in Gefahr ist. Dem wird abgeholfen. Die Lösung liegt so nah.
Der Obelisk Die Toten leben, weil sie erinnert werden. Kodex und Lust haben sich gepaart, um aufrecht in Demut, lasziv in Bewegung, nekrophil zu verharren. SIEGEN LERNEN HEISST VEREHREN KÖNNEN.
Epilog mit abschließendem Anschluß-Feuerwerk
„Hellerau beginnt als ein SOZIALES Experiment… Neuer Mensch in neuer Gemeinschaft. Sozialismus im Grünen…“ ein „Psychogramm der Zeit: Der Traum vom Kollektiv, vom sozialen Jahrhundert… das zusammengenommen ergibt diese Mixtur an Erlösungsphilosophie, mit der Deutschland in dieses Jahrhundert und sich in allen denkbaren Variationen ausspricht in den Programmen all der Reformbewegungen, Zirkel und Gruppen“. Dalcroze in Hellerau: „Den Rhythmus zur sozialen Idee“ erheben… Der Wahnsinn wird Methode… mit derselben Begeisterung zwängt man sich in Uniformen zur menschheitlichen Prüfung auf dem Weg zum „Wesentlichen und wahrhaft Gültigem“ (Tessenow)… um endlich soziale Realität zu werden… 1945 die scheinbare Zäsur: Tessenows Bau 1937 zur Kaserne umfunktioniert, wird zum Lazarett der sowjetischen Armee.“
Carsten Ludwig, Regisseur (zitiert aus Buch „Festspielhaus Hellerau“; Herausgeber: Europäische Werkstatt für Kunst und Kultur e.V. / 2. erweiterte Ausgabe, 4/99, 1000 Exemplare)
Im Rahmen der Projektreihe „Theater nach der Diktatur“ ist heute erstmals eine Produktion des Dresdner Regisseurs Carsten Ludwig in Berlin zu sehen: „Der Obelisk“ in der KulturBrauerei ■ Von Petra Kohse
27.11.19930:00 Uhr
Die Theaterarbeit des Dresdner Regisseurs Carsten Ludwig erinnert in ihrem radikalen Antipsychologismus an die von Einar Schleef. Aber es ist vor allem der Kontext des auf deutschen Bühnen dominierenden psychologischen Realismus, der den Vergleich beider Inszenierungsansätze aufdrängt. Bezeichnend für die Regie von Carsten Ludwig ist auch das, was ihn von Schleef – den er gar nicht kennt – elementar unterscheidet: er hat Humor. Während Schleefs Produktionen als permanent gereckter Zeigefinger die Gewalttätigkeit der Welt mit stampfendem Rhythmus anprangern, will Ludwig auch unterhalten. Sein Rhythmus ist spielerischer, er bewegt seine Kollektive weniger im Marsch- als beispielsweise im Slapstick-Tempo, Spielfreude wird durch Drill nicht erstickt.
Carsten Ludwigs Publikum ist das (Ex-)DDR-Publikum. Sein Thema sind die DDR-Strukturen und Verhaltensweisen, von deren tiefer psychischer Verwurzelung er überzeugt ist. Die Absurdität ständig reproduzierter Rituale des staatstreuen Alltags will Ludwig auf dem Theater decouvrieren. Das fraglose Warten in einer Schlange, Gruß- und Ehrungszeremonien oder die Akzeptanz jeglicher Anweisung „von oben“ werden automatisch zur Karikatur, wenn man den handelnden Figuren Individualität und spezifische Motivation verweigert.
Der 42jährige Regisseur begann als Assistent am Staatsschauspiel Dresden. Die Diskrepanz seiner ästhetischen Auffassungen und der staatlichen Vorstellung dessen, was auf der Bühne wie darzustellen sei, stellte sich nach einigen Szenenstudien schnell heraus, berichtet er im Gespräch. Er blieb zwar vertraglich an Dresden gebunden, doch haben wollte man ihn dort im Grunde nicht. Er durfte und sollte an anderen Häusern inszenieren, galt aber auch dort als provozierend und meist blieb es bei je einer Produktion. Eine feste Truppe hat er unter diesen Umständen nicht bilden können.
Mittlerweile arbeitet Carsten Ludwig im Verein des Festspielhauses Hellerau. Früher eine Entwicklungsstätte des Ausdruckstanzes (auch Mary Wigman wurde hier ausgebildet), diente das Festspielhaus zu DDR-Zeiten als Russenkaserne. Der Verein Hellerau will auf dem Gelände ein kulturelles Zentrum für Theater, Tanz, Bildende Kunst und Performance etablieren – ein schönes Projekt, das wie die meisten solcher Projekte an der notwendigen Minimalsubvention zu scheitern droht. Noch für dieses Jahr hat das Land Sachsen eine Entscheidung über die Nutzung des Gebäudes und eine damit zusammenhängende Förderung zugesagt, aber bis dato ist nichts gesichert.
Als eine Produktion der Hellerau e.V. hat Carsten Ludwig einige Erzählungen aus Vladimir Sorokins „Der Obelisk“ für das Theater adaptiert und inszeniert. Beim Bundesfestival „Politik im Freien Theater“ in Dresden erhielt die Truppe Anfang November den Sonderpreis. Mit Sorokin hat Ludwig „seinen“ Autor gefunden, wie er sagt. Schon im letzten Jahr inszenierte er für die Musikfestspiele Dresden mit Schauspielern und Laien Sorokins „Schlange“. Der Russe Sorokin, der zumeist klassische sowjetische Erzählformen aufgreift und die Handlung mit perversen Gewalt- oder Fäkalienelementen versetzt – eine Richtung, die er selbst Soz-Art nennt – entlarvt nach Ludwigs Ansicht das absurde Verhältnis von starren Formen und ihren sinnentleerten Inhalten in der Ost-Realität meisterhaft. Die Episoden des „Obelisk“, die heute abend im Rahmen der Projektreihe „Theater nach der Diktatur“ in der KulturBrauerei zu sehen sein werden, hat Ludwig auf seine Weise aufbereitet: Wo Sorokin einzelne Figuren skizziert, zeigt Ludwig Kollektive. Wenn man nicht auf individuelle Biographien ausweichen kann, um obszöne oder absurde Verhaltensmuster auf dem Theater zu erklären, sei es schwerer, sich davon zu distanzieren, meint er. Ob allerdings ein westliches Theaterpublikum typische Strukturen der DDR-Realität im Gezeigten erkennen wird, daran zweifelt der Regisseur. Nicht umsonst hatte er niemals den Wunsch, in den Westen zu gehen, nicht umsonst will er weiterhin im Osten Theater machen. Ludwig hat ein dezidiert aufklärerisches Konzept, mit dem er zu DDR-Zeiten gegen den Apparat anging und mit dem er sein Publikum auch weiterhin konfrontieren will. Er zielt gegen die DDR-Nostalgie ebenso wie gegen ein vorschnelles Einheitsdenken. Auch im Westen ist gesellschaftliches Verhalten natürlich eine Reaktion auf als gegeben akzeptierte Ansprüche, wenn diese auch wesentlich vielschichtiger und schwieriger zu erkennen sind.
Irgendwann wird Ludwig auf diesen Paradigmenwechsel in seiner Arbeit reagieren müssen. Noch aber bezieht er sich auf die Erfahrungen eines Lebens unter der SED-Diktatur. Das ist das, was er am besten kennt.
„Der Obelisk“ nach Vladimir Sorokin, heute abend, 18 Uhr, im Hof der KulturBrauerei, Eingang Knaack-/Ecke Dimitroffstraße, Prenzlauer Berg
Rituale der Unfruchtbarkeit
Carsten Ludwigs „Saisoneröffnung“ am Hellerauer Festspielhaus
Mit der Bearbeitung von fünf Szenen aus Sorokins Roman der „Obelisk“ und der Inszenierung zur „Saisoneröffnungöffnung“ vor dem Festspielhaus Hellerau ist Carsten Ludwig ein Akt der Annäherung gelungen. Selbst wenn es im Hinblick auf die Vorlage Einschränkungen geben sollte die besondere, schreckliche und vielschichtige Geschichte des Ortes wären wohl kaum sinnfälliger in einem einzigen Anlauf theatralischer Gestaltung zu bewältigen gewesen. Geschafft wurde das ohne vordergründigen intellektuellen Anstrich, ja fast ohne demonstrative Hinweise. Unter einer mitunter allzu vergnüglich interpretierten Oberfläche sind nicht nur gähnende Ahgründe, sondern auch philosopliische Tiefenschichten zu entdecken: das Spiel spricht weitgehend für sich selbst, seine Form ist Inhalt. Der äußere Anstrich (sowjet-)russisch, graue Farbe, Birken im Kasernenhof, unverkennbare Mentalität, die aus den Texten spricht. Sie erzählen von Menschen, die den Weg durch einen Sumpf suchen, von Jägern, die einen Gefallenen fachgerecht ausweiden. Doch was ist hier Menge, was ein einzelner? Das Chorische der Aufführung kommt offenbar von Hellerau. Dialoge werden aufgelöst, mehreren Darstellern in einer Rolle übertragen, die zum Teil gestisch und akustisch synchron agieren, was groteske Wirkungen hervorbringt, wenn das daraus entstehende Pathos banalste Inhalte trägt. Entscheidungssituationen des Alltags werden ritualisiert statt demokratisiert, damit Unfähigkeit und moralischer Verfall verdeckt. Individualität in der Gesellschaft ist aufgehoben im Führer. Knotenpunktc der Geschichte – aufgewungene (?) Verwandschaften: „Geologen“ demonstrieren Sprachverwirrung, die aus dem Zwang zu immer gleichen Denkmustern entsteht. Produktion wird zur Farce, wo sie Schadensbegrenzung als Innovation begreift. Streng gehütete moralisch-geschlechtslose Erziehungsmuster werden durchbrochen von Lüsten, die in pervertierte Liebesspiele zwischen Lehrerin und Schüler münden. Schließlich wird Urväterchen Stalin in einer dänonischen Fäkal-Liturgie gefeiert. Sorokin geht bis an Grenze des erträglichen, um die ätzende Erfahrung gesellschaftlicher Lämung und Selbstverstümmelung, der Reduzierung auf niedrigste Instinkte nachvollziehbar zu machen. Ludwig findet eine Form, die den Schmerz über dem Ekel hält. zelebriert eine Teulelsrnesse von fataler Eindringlichkeit. Ihm hilft die strenge und zwiespältige Würde des Ortes, das Absurde so weit zu steigern, daß oft eine irre Heiterkeit Raum greift, eine seltsam faszinierende Vitalität, die durch die heterogene Zusammensetzung des 21köpfigen Emsebles noch eine Dimension gewinnt. Profis und Laien, darunter wohl absolute Theaterneulinge, sind zusammengespannt in einer einfachen, plausiblen Choreographie, die irgendwie an eine Exerzierordnung erinnert, aber trotzdem den so grundverschiedenen – als nicht gegeneinander abzuwägenden Talenten Geltung verschafft. Die Ritale der Unfruchtbarkeit erzeugt am Ende einen positiven Impuls.
Tomas Petzold, Dresdner Neueste Nachrichten, 26.05.93
Sorokins Karikatur des Sozialismus
Regisseur Carsten Ludwig inszenierte Grotesken des russischen Avantgardisten in der Kulturfabrik
Was für eine Idee: Auf einer Bühne stehen achtzehn Akteure, führen gemeinsam einen einzigen Dialog. Ein Satz, mitunter ein Wort, wird zwischen zwei Gruppen aus Profi- und Laienschauspielern wie ein Ball hin und hergespielt, in der Flugphase wechselt die Betonung. Ahnlich dem Beobachten eines Tennismatches fliegt der Kopf von der einen Seite zur anderen, wenn sich die Sprechchöre Worte entgegenwerfen. Der Dresdener Regisseur Carsten Ludwig wählte diesen Kunstgriff, um die literarische Vorlage des russischen Autors Wladimir Sorokin zu dramatisieren und ihr einen Massencharakter zu geben. Unglaublich verstärkt und überspitzt er so in seiner Inszenierung „Der Obelisk“ den Text. In keiner der fünf Episoden entgleitet ihm die Erzählung, und immer bleibt noch Raum, einzelne Charaktere zu zeichnen, besser, zu karikieren. Sorokins Grotesken stammen aus den Achtzigern und sind jede für sich schon Kabinettsstückchen. Das Grundmuster bleibt sich gleich, zumindest in den fünf ausgewählten Geschichten. Es entbehrt nie des plötzlichen Schlages in die Magengrube oder darunter. Der russische Avantgardist beginnt mit verschwenderischen Bildern und Beschreibungen gleich einem Turgenjew oder Dostojewski und kippt plötzlich ins Derbe, Vulgäre, oder Absurde. Damit entblößt er die Dekadenz sozialistische Realität in der Sowjetunion, demaskiert all die Lächerlichkeiten, die sich leichtens auf die DDR übertragen lassen. „Der Obelisk“ träfe so manchen ehemaligen Kaderfunktionär bis ins Mark, wenn er sich so etwas angehauen würde. Die Halle A des Werkes II bot einen nahezu idealen Hintergrund für die fünf Orte des Geschehens; „sozialistische Menschen“ auf unbestimmter Suche erlegen einen ebensolchen und weiden ihn aus; Schuldirektorin maßregelt einen 12jährigen Komsomolzen in spe, um Ihn danach zu mißbrauchen; Mutter und Tochter „trauern“ um Vater, dessen Vermächtnis ein großer Haufen Scheiße ist; Technologin soll nach Willkür des Direktors einen Penis ans Zahnrad bauen. Immer wieder wird ein Charakter von mehreren gleichzeitig oder versetzt gesprochen, wird auf diese Weise eine Vielfalt von Idioten oder Produkten der Gesellschaft dargestellt. Es ist kaum zu merken, wer in diesem Projekt des Vereins „Europäische Werkstatt für Kunst und Kultur Hellerau“ Profi oder Laie ist – jeder kommt zur Geltung oder ist in die Masse integriert. Und wem der Atem nicht gerade ob der Härte der Worte stockte, der konnte herzlich lachen.
Dorit Kowitz, 26.Juli 93, Leipziger Volkszeitung
„Vor den großen Theatern stehen keine Fahrräder mehr“
Freie Gruppen aus Deutschland in Dresden – SZ sprach mit drei Akteuren des Festivals
Das 2. Festival Politik im freien Theater geht vom 28. Oktober bis 7. November erstmals in Dresden über die Bühne. 22 professionelle freie Theatergruppen aus ganz Deutschland, die von der veranstaltenden Bundeszentrale für politische Bildung eingeladen wurden, stellen ihre Produktionen vor. Bei dem von der Stadt Dresden und dem Freistaat Sachsen unterstützten freien Theater-Festival sind auch drei Dresdner Gruppen zu erleben, das Dialogtheater, das Statt-Theater-Fassungslos und die Europäische Werkstatt. Letztere zeigt „Der Obelisk“ nach Episoden von Wladimir Sorokin. SZ fragte drei Beteiligte, Gertraude Platzk, Christian Maria Göbel und Carsten Ludwig, nach ihren Vorstellungen vom Theater.
Welche Bedeutung hat dieses Theater-Festival für Sie? Carsten Ludwig: Wir freuen uns, weil wir den „Obelisk“ wieder zeigen können. Uns fehlten die Mittel, um ihn öfter zu spielen. Kulissen und Technik müssen ja bei jeder Vorstellung vor dem Festspielhaus Hellerau aufgebaut werden. Am 3. November laden wir wieder dorthin ein. Gegen die Kälte wird mit Feuerstellen zwischen den Sitzen vorgesorgt. Christian Maria Göbel: Ich finde es wichtig, daß so ein Festival stattfindet. Man kann die freie Theaterszene nicht mehr einfach abtun. Sie wird durch künstlerische Qualität und schnelles Reagieren auf aktuelle Themen immer mehr zur Konkurrenz für die großen Häuser. Nicht nur feste Einrichtungen sollten daher Subventionen bekommen. Vor den Staatstheatem sieht man keine Fahrräder mehr stehen. Die großen Spielstätten müßten offen für freie Produktionen sein, Probleme und Tendenzen der Theater stärker öffentlich diskutiert werden. Das Theater muß sich wie früher auf seine ureigenen Mittel besinnen und den Leuten etwas mitzuteilen haben.
Was interessiert Sie am freien Theater? Christian Maria Göbel: Dabei kann ich Sachen machen, die in großen Theatern nur eingeschränkt möglich sind. Ich bin am Staatsschauspiel Dresden fest engagiert und arbeite bei verschiedenen freien Projekten mit. Diese Freiheit finde ich wichtig und versuche, einiges in den normalen Theateralltag zu übernehmen. Carsten Ludwig: Probleme kommen nicht von den Zuschauern, sondern von den Theatern. Sie stellen Kriterien auf, nach denen sie Schauspieler und künstlerische Arbeit bewerten. „Der Obelisk“ ist für mich der Versuch, Erlebtes zu rekonstruieren und darzustellen, was war und ist. Sorokin wollte ich zeigen, weil kein anderer östlicher Autor so genau, radikal und zugleich wertfrei über Konflikte und Mechanismen des einstigen kommunistischen Systems geschrieben hat. Wir arbeiten nicht mit klassischen Mitteln und festen Rollen. „Der Obelisk“ ist eine kollektive Arbeit von professionellen- und Laienschauspielern. Gertraude Platzk: Nachdem ich den Text gelesen hatte, wollte ich eigentlich aussteigen aus dem Stück. Doch Carsten Ludwig ist ein mitreißender Regisseur. Außerdem hat er so empfindsam mit uns gearbeitet, daß ich dabeigeblieben bin. Die Texte werden verteilt gesprochen. 21 Akteure sind beteiligt, darunter Schauspielstudenten und ein ehemaliger Schuldirektor. Früher war ich nur begeisterter Zuschauer des Sprechtheaters. Die Schauspielerei ist eine Bereicherung für mich. Das ist noch einmal etwas ganz Neues mit 71 Jahren, und zeigt zugleich, wie schön Altwerden sein kann. Es war einfach Glückssache, daß Carsten Ludwig mich entdeckt hat. Während des Abenddienstes im Schauspielhaus, wo ich seit drei Jahren tätig bin, hat er mich angesprochen, Dann sollte, ich etwas vorlesen. Am Anfang habe ich mich geärgert, weil ich als einzige gesiezt wurde und mich ausgeschlossen fühlte. Aus Respekt vor Ihrer Leistung und dem Alter, meinte der Regisseur. Inzwischen sagen alle Traudl.