Der Jahrestag oder Das Paradies ist die Republik 1989

Premiere: 26. Juni 1989 im Dresdner Brettl in der Tonne
Idee und Buch: Jacqueline Grenz, Frank Hörnigk, Friedrich-Wilhelm Junge
Mitarbeit und Regie: Carsten Ludwig
Kompositionen und Arrangements: Michael Fuchs
Ausstattung: Jens Büttner
Musik: Michael Fuchs, Roger Goldberg, Volkmar Hoff
Pierre- Francois Palloy: Friedrich-Wilhelm Junge


Der historische Sturm auf die Bastille fand zu Beginn der Französischen Revolution am 14. Juli 1789 statt.
Das Jubiläum: Genau 200 Jahre später, im Jahr 1989, wurde dieses Ereignis als „Bicentenaire“ (Zweihundertjahrfeier) besonders in Frankreich und Paris pompös gefeiert.
Bedeutung: Der 14. Juli ist aufgrund dieses Meilensteins der französische Nationalfeiertag.(Wiki)

„Warum die Pariser ausgerechnet die Bastille gestürmt haben, soll König Ludwig XVI. erstaunt gefragt haben. Schließlich ist der Abriss der alten Festung in Paris längst beschlossen.
Nach Abschaffung der willkürlichen königlichen Haftbefehle wird sie nur noch selten als Staatsgefängnis genutzt.
Längst gibt es Baupläne für einen Platz mit einem Standbild für den Monarchen.“

(aus WDR /14.07.2014)
Prise de la Bastille, Jean-Pierre-Louis-Laurent Houel

An der Erstürmung und am Abriß der Bastille beteiligt war 1789 der Bauunternehmer Pierre-Francois Palloy

Die Quellen sind authentisch – wir mußten nichts erfinden

Pierre-Francois Palloy ist unser Zeuge, erfolgreicher Bauunternehmer in Paris, als ihn im Sommer 1789 die »Geschichte einholte«, sozusagen auf eigenem Baugrund. Den hatte er gerade gefunden. Ein altes Gebäude, fast leerstehend, mußte nur noch abgetragen werden.
Es war das alte Staatsgefängnis, die Bastille!

Wir kennen die Folgen; Palloy konnte sie nur ahnen, aber das tat er, die Zeichen der Zeit verstehend.
Aus dem profanen Abriß-Geschäft wurde der symbolische Akt eines revolutionären Umsturzes der ganzen Gesellschaft.
Damit begann seine zweite Karriere – die des Literaten und Propagandisten der Revolution. In Hunderten von Reden, Broschüren, Liedern – wurde er zu einem ihrer unerschütterlichsten und ausdauerndsten Sänger.
Später kommerzialisierte er die einfachen Quader-Trümmer der Festung zu kleinen revolutionäre Reliquien; ließ kleine Nachbildungen der Bastille meißeln und fertige sogar Tintenfässer, Briefbeschwerer und sogar Kartenspiele als Ornamente der neuen Macht an.

„Obwohl Palloy ein glühender Unterstützer der Revolution war, geriet er während der brutalen Terrorherrschaft (Terreur) 1794 kurzzeitig unter Verdacht und wurde inhaftiert. Nach dem Sturz Maximilien de Robespierres kam er jedoch schnell wieder frei. Er überlebte den politischen Wandel Frankreichs, arrangierte sich später sowohl mit dem Kaiserreich unter Napoleon als auch mit der Rückkehr der Bourbonen-Monarchie und starb 1835 (verarmt) im Alter von 80 Jahren.“

Wikipedia

Was blieb: Seine Dichtungen, Festtags-Pläne, Hymnen, Familienansprachen etc. konnten »geerbt« werden:

„Discours civique sur les moeurs et sur les vertus“ prononce ie jour que la Fete de l’Etre Supreme a ete celebree ä la Commune de Sceaux- l’Uni te“

„Bürgerrede über Moral und Tugenden“gehalten an dem Tag, an dem in der Kommune Sceaux-l’Unité das Fest des Höchsten Wesens gefeiert wurde.“

(Historische Reden von Pierre-Francois Palloy: Französischen Nationalbibliothek (Gallica)

Die eine oder andere Probe dieser Aktualität werden wir aus dem Vergleich mit den LIEDERN & GEDICHTEN seiner Nachfahren auch in der DDR gewinnen, (einmontiert in die Rede Polloy’s).
Frank Hörnigk / Carsten Ludwig


Programmfolge der originale Reden von Pierre-Francois Palloy

Allegro
I. Feiern & Feste
Lied: Auf daß in unserm Garten (Max Zimmering)

Andante con moto
II. Familie & Erziehung
Lieder: Himmel (Werner Lindemann), Die Stadt (Rose Nylander)

Scherzo
III. Liebe & Ehe
Lieder: Appell an die Jugend (Paul Günther Krohn), Du liebes Land ( Heinz Kahlow)


1. Feiern & Feste

„Die zur Feier des Festes des Höchsten Wesens und der Natur vereinten Franzosen erheben sich vor Sonnenaufgang. In ihren Häusern werden alle Bürger ein jeder auf seine Art das Höchste Wesen bitten, die Republik zu schützen, die Ernten zu begünstigen, unseren Armeen zum Sieg zu verhelfen, den Vaterlandsfeinden und Verrätern das Handwerk zu legen, unsere Volksvertreter bei Gesundheit zu erhalten.
Dann werden alle die Türen ihrer Häuser mit Laubkronen und Blumengebinden schmücken: allein die Natur gibt den Republikanern den schönsten Schmuck. An jedem Haus wird eine rote Mütze mit der nationalen Kokarde gemalt sein; alle Hausbesitzer oder Mieter, die keine Fahne haben, werden eine erwerben; alle Fahnen, deren Farben verblichen sind, werden vor Bildung des Zuges ausgetauscht.

Punkt sechs Uhr wird ein Trupp von Trommlern hinter der Losung „Unser Glück ist in der einfachen Natur“ die Bürger zum Sammeln rufen. Kommissare werden diese Banner in die entsprechenden Strassen stellen. Es wird dies das Zeichen sein, daß sie aus ihren Häusern herauskommen, um sich unter dem für sie vorgesehenen Banner aufzustellen. Das erregende Bild ihres ersten Zusammentreffens wird von den ersten Sonnenstrahlen erhellt werden.Nach der Verteilung der Banner werden sich vor dem Tor des Tempels des Höchsten Wesens die Stadträte unter dem Spruchband „Zu Ehren der Nachwelt“ und das Überwachungskomitee unter dem Spruchband „Zu Ehren des Glückes“ postieren.

An jedem Haus wird eine rote Mütze mit der nationalen Kokarde gemalt sein; alle Hausbesitzer oder Mieter, die keine Fahne haben, werden eine erwerben; alle Fahnen, deren Farben verblichen sind, werden vor Bildung des Zuges ausgetauscht. Punkt sechs Uhr wird ein Trupp von Trommlern hinter der Losung „Unser Glück ist in der einfachen Natur“ die Bürger zum Sammeln
rufen. Kommissare werden diese Banner in die entsprechenden Strassen stellen. Es wird dies das Zeichen sein, daß sie aus ihren Häusern herauskommen, um sich unter dem für sie vorgesehenen Banner aufzustellen. Das erregende Bild ihres ersten Zusammentreffens wird von den ersten Sonnenstrahlen erhellt werden.
Nach der Verteilung der Banner werden sich vor dem Tor des Tempels des Höchsten Wesens die Stadträte unter dem Spruchband „Zu Ehren der Nachwelt“ und das Überwachungskomitee unter dem Spruchband „Zu Ehren des Glückes“ postieren.

Ziel des Marsches ist der Platz der Freiheit. Mitten auf diesem Platz wird sich allen sichtbar der Brunnen der Wiedergeburt mit der Darstellung der Natur erheben. Aus ihren vollen Brüsten, die sie mit ihren Händen hält, wird in reichen Strömen reines gesundes Wasser fliessen, von dem die Kommissare trinken werden, alle aus dem gleichen Becher.

Zunächst wird der Vorsitzende des Stadtrates den Boden der Freiheit mit einem Trankopfer benetzen, er wird als erster trinken und dann den anderen Kommissaren den Becher weiter reichen; sie werden bei Trommel- und Hörnerklang dem Alphabet nach aufgerufen; eine Artilleriesalve wird jedesmal, wenn ein Kommissar trinkt, vom Vollzug des Aktes der Verbrüderung künden.
Dann werden nach der teuren Melodie der Marseillaise der Zeremonie entsprechende Strophen gesungen. Nach dem Trunk tauschen die Kommissare den Bruderkuss. Der Festzug bewegt sich dann durch die Strassen.
In der zweiten Gruppe schreiten die Mitglieder der Stadtverwaltung der Gemeinde Einheit.
Sie sind vom einfachen Volk nur durch einen Ehrenstrauss mit verschiedenen Früchten zu unterscheiden.

Die dritte Gruppe besteht aus der ehrwürdigen Masse des souveränen Volkes. Hier verschmilzt alles zur Einheit: Hier gibt es keine Zünfte mehr, alle für die Gesellschaft nützlichen Individuen gehen ohne Unterschied in die Gemeinschaft ein, wenn auch charakterisiert durch ihre besonderen Kennzeichen. So wird der Bürgermeister neben dem Holzfäller oder dem Maurer schreiten;
der Richter in seiner Amtstracht neben dem Weber oder dem Schuhmacher; und ihr, ehrbare Handwerker, tragt als Sieger die nützlichen, ehrenvollen Werkzeuge eures Handwerks.
Unter den Wahrzeichen der verschiedenen Berufe wird in grossen Buchstaben zu lesen sein:
„So dient das unermüdliche Volk der menschlichen Gesellschaft“.

Am Schluss des Zuges marschiert eine Abteilung Infanterie und Kavallerie, in dessen Mitte mit Lilienbannern bedeckte Karren gezogen werden, die mit den Resten der widerlichen, Kennzeichen des Königtums und dem anmassenden Flitterkram des Ignoranten Adels beladen sind. Zwischen diesen Karren stehen auf Spruchbändern die Worte: „Volk, hier ist, was jederzeit Unglück, über die Menschengesellschaft gebracht hat.“
Die Erinnerung an die Tyrannen wird dem öffentlichen Fluch überantwortet – darauf werden mit einem Mal Tausende Vögel freigelassen, sie fliegen mit leichten Bändern am Hals in die Luft und tragen das Zeugnis der wiedergewonnenen Freiheit der Erde in raschem Flug zum Himmel.
Das Volk wird diese denkwürdige und bewegende Feier mit wiederholten Hochrufen auf die Republik beenden.“

Auf daß in unserm Garten / Max Zimmering (1909 – 1973)

Auf daß in unserm Garten
die schönsten Blumen blühn
in vielen tausend Arten,
in Rot und Gelb und Grün –

muß sich die Kraft vermählen
mit Liebe und Geschick;
auch darf das Lied nicht fehlen,
das Lied der Republik.

Auf daß der Regenbogen
sich über Dörfer spannt,
wo reife Felder wogen
bis an des Himmels Rand –

muß sich die Kraft vermählen
mit Liebe und Geschick;
auch darf das Lied nicht fehlen,
das Lied der Republik.

Auf daß der Mensch gedeihe
in Städten neu und licht,
wo Arbeit voller Weihe,
das Leben ein Gedicht –


II. Familie & Erziehung

Bürger!

Vor unserer erhabenen Revolution haben die Franzosen, die ein Sklavenleben führten, viel von Sittlichkeit geredet, danach gelebt haben jedoch nur sehr wenige. Die Republikaner reden nicht so viel davon, sondern praktizieren sie.
Sie waren charmant, diese Herren!- Ein Mann von Tugend und Moral galt ihnen dagegen nichts. Er war ihrem Gespött,‘ ihrer Verachtung, oftmals sogar ihren Verfolgungen ausgesetzt.
Doch endlich hat das Reich der Tugend und der Sittlichkeit diese infame Herrschaft abgelöst. Unsere weisen Gesetzgeber haben dies feierlich dekretiert, und allein schon diese edlen Gefühle entflammen alle Herzen. Die großen Tage von Sparta und Athen leuchten an unserem Horizont.
Das staatliche einheitliche Bildungswesen wird dazu führen, daß alle Bürger die gleiche Bildung erhalten.
Unsere Sittlichkeit wird starke Männer und kraftvolle Seelen hervorbringen: Körperkraft und Seelenstärke machen unsere Soldaten unüberwindbar – ach, was sage ich!? – machen aus ihnen Helden.
Und diese erhabene „Wahrheit“ setzen wir seit langem schon den Sklaven der Tyrannen und den Feinden der Freiheit entgegen.

Ballhausschwur (David, Jacques-Louis)
Lied: Himmel / Werner Lindemann (1926 – 1993)

Himmel, hoch und blank.
Himmel, blau wie Seide
Düsenjäger malen
Striche, weiß wie Kreide,

Düsenjäger singen
ihren Düsengesang.
Ohne sie war unser
Himmel mir zu blank.

„Ihr sanftmütigen und tugendhaften Mütter. ich wende mich an Euch: Es reicht nicht aus, dem Vaterland Kinder zu schenken, man muß auch dafür sorgen, daß sie sich alle dem Vaterland würdig erweisen.
Laßt Euch besonders die Erziehung Eurer Töchter angelegen sein! Denkt daran, daß sie nach Eurem Vorbild dem Vaterland die Verteidiger gebären sollen! Auch in ihrer Erziehung wird Euch die Sittlichkeit helfen, um ihren natürlichen Hang zur Tugend wirksam zu lenken. Denkt daran, daß ein junges Mädchen wie eine Blume ist, die der leiseste unreine Hauch zum Welken bringen kann. Sittsamkeit und Schamhaftigkeit müssen ihre ständigen Begleiter sein. Der Republikaner braucht eine Frau von unangetasteter Reinheit, die mit allen Vorzügen ihres Geschlechts ausgestattet ist, denn ein Republikaner legt Wert auf die Tugend. Welche Gefährtin wählt sich der Held, der große Mann, der sich um sein Vaterland verdient gemacht hat? Nicht die Schönste wählt er, sondern die Tugendhafteste! Erzieht also Eure Töchter so, daß sie würdig sind, den Ruhm und das Schicksal eines wahren Republikaners zu teilen.
Schon jetzt sind wir neue Menschen! Die staatliche Bildung werden uns zu solcher Vollkommenheit führen, daß wir endlich sein werden, was wir sein sollen: großherzig, mutig, edel, glücklich, ein Vorbild für alle Völker.“

Lied: Die Stadt ( Rose Nylander)

Wir haben buntgemützte Kinderscharen
Lind steile Straßen,
die im Winter Rodelbahnen werden.
Und Pläne haben wir
mit jungen Rasen.
Und Bäume,
die sich fast wie Parks gebärden,
und Parks, die tun,
als ob sie Wälder sind.
Und Bänke drinn.
Und in den Bäumen Wind.

Und einen Teich.
Und lustige Fontänen,
die Licht und Wassertropfen spritzen,
und Blumen, Kinder.
Alte Mütterchen,
die, während sie mal dies,
mal das erwähnen,
die Hände wärmend,
in der Sonne sitzen.

Und ein Museumsschloß,
das uns gehört.
Und eine Straßenbahn,
die etwas langsam fährt.
Und alte, rußgeschwärzte Häuserwände
und neue, helle –
hundert Baugelände.

Gerüste.
Aufgerissene Straßendecken
mit roten Warnungslichtern an den Ecken.
Und Lagerplätze,
die voller alter Kisten,
Geheimnissen
und Wunderlingen stecken.
Das VEB
Wir haben viel Fabriken.

Wir haben viele, viele Arbeitshände.
Ein großes Herz,
das nie den Mut verliert.
Wir haben Träume,
und wir haben Lieder.
Und manches ist noch garnicht registriert

Wir haben einen Fluß,
der spärlich fließt.
Darüber spannen sich Laternenbrücken.
Und Pappeln haben wir
und überall.


III. Liebe & Ehe

Ich, Palloy, Vater von zwei Kindern, eines Mädchens von neunzehn und eines Knaben von sechzehn Jahren, die seine Freude und sein Trost sind, dessen Vermögen zwar nicht beträchtlich ist, aber doch vor Bedürftigkeit schützt; froh darüber ist, daß sich die Regierung auf solide Grundlagen stützt; wünscht einen in Frankreich geborenen Soldaten kennenzulernen, der, wenn möglich, einige Kenntnisse in praktischer Architektur oder eine saubere Handschrift besitzt, 25 bis 30 Jahre alt ist, Größe, Gestalt, Dienstgrad und Vermögen spielen keine Rolle, vorausgesetzt, daß er nicht mißgestaltet ist und eine gute Gesundheit besitzt. Der Freiwillige, der dieses geforderte und vorzugsweisende – Staatsbürgerliche Zeugnis besitzt, kann bei dem Bürger Lessort, Friedensrichter der Section, vorsprechen. Wenn sein Fleiß und sein Wesen der patriotischen Familie, die diese Bewerbung schreibt, gefallen, so kann er ein schönes Kind, 10.000 Pfund in bar für die Hochzeit und eine Rente von 40.000.Pfund erhalten.

Lied: Appell

Appell an die Jugend / Paul Günther Krohn (1929 – 1979)

Euer Leben ist voller Farbe und Licht,
Drum müßt Ihr die Augen aufmachen:
Was Ihr selber nicht seht, das seht Ihr nicht,
und das Eure sollt Ihr bewachen.

Fallt nicht auf die Leute von gestern rein,
Laßt Frischluft in Eure Lungen –
Und die Jungen so l In für die Mädchen dasein,
und die Mädchen für die Jungen.

Denkt nicht allein nur an das, was Euch nützt,
Und macht Euch vor keinem die Hosen voll –
Aber denkt, wenn Ihr bei der Arbeit schwitzt,
Daß Sozialismus auch Spaß machen soll!

„Möge Euch meine Bitte, Bürger, nicht lächerlich erscheinen!
Möge die Offenheit meiner republikanischen Gesinnung von Euch verstanden werden! Seid davon überzeugt, daß ich in keiner Weise daran interessiert bin, selbst Ruhm zu ernten oder herumzuprahlen.
Mein Ziel ist einzig und allein, unter Beweis zu stellen, wie sehr ich den Soldaten des Volkes hochschätze, Deshalb biete ich ihm die Hand meiner Tochter, die meiner Gattin und mir so ans Herz gewachsen ist. Meine Frau und ich lieben das Mädchen mehr als unser Leben – fast so wie die Republik! Helft uns, damit sich die Wünsche unserer Familie erfüllen und das Kind ihr Glück findet. Aber, Bürger, versprecht dem jungen, von Euch auserkorenen Kämpfer nicht, daß die Wahl meiner Tochter unbedingt auf, ihn fällt! Denn bei ihrer Ankunft finden alle Kandidaten, bei mir Aufnahme; und wenn sie, dann
an meinem Tische sitzen werden, soll meine Tochter den glücklichen Sterblichen auswählen, der sie besitzen wird, wenn sein künftiges Verhalten seinem vergangenen entspricht.
Wie schade, daß ihr – Freunde – noch nicht dabei sein könnt, Eure Anwesenheit würde dieses wahrlich staatsbürgerliche Fest noch verschönen. Doch auch in Eurer Abwesenheit werden wir ein Glas auf Eure Gesundheit und auf die Republik leeren. Mein Antrag beschränkt sich auf eine bestimmte Anzahl von Bewerbern.

Bitte geben Sie mir Bescheid, und schicken Sie mit dem Soldaten, den Sie zu mir senden, eine genaue Kaderakte mit.
Bitte teilen Sie ihm außerdem mit, daß die Soldaten, auf die die Wahl nicht fallen wird, nichtsdestoweniger meine Freunde auf Lebenszeit sein werden, daß sie 14 Tage bei mir bleiben können, um sich von den Strapazen der Reise zu erholen.
Ich werde ihnen die Reisekosten erstatten; pro Person-: 300,-. Das ist das, was meine Überzeugung, aber auch mein Portemonnaie mir erlauben.
Bürger! Genossen! Warum bin ich nicht der Vater einer noch größeren Familie!
Ich könnte noch mehr Soldaten belohnen! Warum besitze ich nicht die Goldschätze von Peru?
Ich würde das ganze Gold unter unseren Kämpfern verteilen, um sie für ihren unermüdlichen Einsatz und ihre hohe Kampfkraft auszuzeichnen.
So wie ich die Steine der Bastille über den ganzen Erdball verbreitet habe, um bei denVölkern den Haß auf die Unterdrücker zu steigern, will ich ihre Liebe zur einzigen Republik noch weiter steigern helfen.

Gruß, Respekt und Brüderlichkeit!
P. Patriot fürs Lebe

Lied: Du liebes Land / Heinz Kahlow (1924 – 1015)

Wenn man zwischen Oder und Elbe
so sieht, wie die Jahre vergehn,
da taucht immer wieder die selbe
kleine Frage auf, wo wir, nun stehn.
Und dann kann in Thüringens Wäldern,
im Fischerdorf hinter dem Deich
sich jeder ein anderes Lied davon singen,
der Kehrreim jedoch, der ist gleich:

Du liebes Land
zwischen Meiningen und Kap Arkona,
gewiß, ein Paradies bist du nicht.
Doch du hast so ein Klima,
das finde ich prima:
Du bist real und trotzdem ein Gedicht!

In Rostock, da sticht unsre Flotte
zu weltweiter Fahrt in die See.
In Suhl gratuliert unsre Lotte
einem Dreher zum neuesten Dreh.
In Grimmen da bohr’n wir nach Erdöl,
und in Schwedt werd’n die Tanks langsam voll.
Und sogar die Herrn Dichter und die Komponisten,
die singen in Dur statt in Moll:

Du liebes Land
zwischen Meiningen und Kap Arkona
gewiß, ein Paradies bist du noch nicht.
Doch du hast so ein Klima,
das finde ich prima;
Du bist real und trotzdem ein Gedicht!

Der Weg in die Zukunft wird heller,
der Spreewald, der liefert den Strom.
Wir hab’n Reserven im Keller
und Blumen am Erfurter Dom.
Das Zentrum Berlins ist im Werden,
und die Jugend im Friedlander Moor
singt mit Staatsoperstars und Leipzigs Thomanern
und Sassnitzer Fischern im Chor:

Du liebes Land
zwischen Meiningen und Kap Arkona,
gewiß, ein Paradies bist du nicht.
Doch du hast so ein Klima,
das finde ich prima:
Du bist real und trotzdem ein Gedicht!


IV. Kunst & Weihe

(Ansprache des Patrioten Palloy, gehalten vor dem Verwaltungskorps und an der Spitze seines bewaffneten Bataillons)

Meine Herren,

vier Jahre sind vergangen, seit wir uns am 14.Juli 1789 mit dem Sturm auf die Bastille die Freiheit erkämpften. Für gewöhnlich stellen die Revolutionen einen Mann auf den richtigen Platz: Ich war dabei, meine Herren, und die Natur hat mir den Gedanken eingegeben, nicht eher zu ruhen, als bis dieser Kerker zerstört sein wird. Ich habe mir die Pflicht auferlegt, diesen Koloß der Tyrannei stückweise zu verstreuen, so wie es Levitus getan hatte, dessen Frau, von einem Despoten vergewaltigt, vor seiner Tür gestorben war: Er hieb ihren Leichnam in 13 Stücke und schickte sie an jede der hohen ‚Familien des Kantons, um Rache zu fordern für die Ruchlosigkeit dessen, der das Verbrechen begangen hatte.

Und dies, meine Herren, habe auch ich mit den Resten dieser Bastille getan, um den Haß gegen die Tyrannen zu säen und ganz Frankreich die Trümmer des besiegten Vorurteils‘ und die leere Hülle der Tyrannei vor Augen zu führen. Schon allein der Name „Bastille“ wird die Franzosen mit Haß gegen die Tyrannei der Freiheit und der Gleichheit mit neuem Mut erfüllen.
Die Weihung eines Steins von der Bastille ist nicht nur eine der glanzvollen Zeremonien, die für einen Augenblick die Phantasie ganz ausfüllen und deren Eindruck sich nach dem Schauspiel verflüchtigt.
Ein Philosoph, der zu denken und wahrzunehmen versteht, entdeckt in dieser staatsbürgerlichen Zeremonie eine anrührende Ehre, die auch Sie verstehen sollten. Den Freunden der Verfassung, der Freiheit, der Gleichheit und schließlich der Nation gebührt es, auch den Bürgern, die nicht so gebildet sind wie Sie, meine Herren, zu erklären, daß es sich hier um das Einmaleins unserer sich entfaltenden Freiheiten handelt.
Im allgemeinen rufen die Meisterwerke der Bildhauerkunst eine vorübergehende und wenig folgenreiche Bewunderung hervor, welche Perfektion der Meißel des Künstlers ihnen auch verliehen haben mag.
Ein Gedenkstück wie dieses jedoch erfüllt alle Herzen mit einem Gefühl der Erhabenheit, dem die Zeit nichts wird anhaben können, denn es ist ein Stück des abscheulichsten Kerkers, ein Stück aus den Trümmern der Bastille.
Doch welch trauriger Gedanke bemächtigt sich meines Geistes und lähmt die Freude, die dieser Anblick in meiner Seele entfacht hat! Diesen Stein von dem schrecklichen Gebäude, in dem so viele Opfer eingekerkert waren, haben vielleicht die Tränen eines Unglücklichen benetzt oder er ist mit unschuldigem Blut getränkt … Doch während er dem Gefangenen den Weg ins
Freie versperrte, der sich durch seine Tugenden verdächtig gemacht hatte und dem Verbrechen verfolgt wurde, verbreitete dieser Kerker im ganzen Land Aufruhr und Schrecken:
Die Bürger fragten einander, was denn nun aus der Freiheit geworden sei und wo denn ihre Zuflucht gegen die Wut der Tyrannen geblieben sei? Die treue Gattin beklagte das Schicksal ihres Gatten, den man ihr geraubt hatte; ihm galten ohne Unterlaß ihre Seufzer und ihr Klagen.
Die verzweifelten Kinder verlangten nach ihrem Vater, der plötzlich aus ihrer Mitte verschwunden war, von einer barbarischen Macht ihren Umarmungen entrissen. Die liebende Mutter, von ihren Sohne getrennt, den man ihr genommen hatte, gab sich ihrem Schmerz hin und wurde noch in der letzten Stunde von dem Kummer verzehrt, den Menschen, der ihr die Augen zudrücken sollte, nicht um sich zu haben.
All diese Opfer waren von den Verliesen der Bastille verschlungen worden. Wie konnte nur ein der Tyrannei dienendes
Gebäude so lange noch Bestand haben? Nicht Menschenhände haben diese Mauern zerstört, sondern der Blitz des Himmels ist niedergefahren, hat sie zerschmettert und vor unsere Füße hingebreitet. Ergreift die Flucht, Ihr unmenschlichen Raubtiere, die Ihr Euch mit dem Blut und den Tränen Eurer unglücklichen Opfer gemästet habt! Sucht Euch hinfort Eure Opfer in den Regionen der Barbaren, die Eure gefräßige Gier befriedigen und Euren widernatürlichen Durst stillen! Geht hin und büßt für Eure schwarzen Untaten, bis Ihr schließlich selbst die Beute dieser wilden Tiere werdet.


(Der Schauspieler steigt in den Sarg.)
Endlich ist die Zeit gekommen, wo die Franzosen das Joch, unter dem sie jahrhundertelang gelitten haben, abgeschüttelt,
den Despotismus besiegt und seine Tempel und Altäre gestürzt haben. Ihr Bürger, die Ihr so zahlreich gekommen seid und dieser Weihestunde einen so feierlichen Charakter gebt, überlaßt Euch ganz der Begeisterung dieser Stunde, die sie in Euren treuen und empfindsamen Seelen zu wecken vermag. Dies ist das Fest des Vaterlandes, ein Triumph der Freiheit!


(Der Schauspieler versucht den Deckel zu schließen… dabei: )

Lied: Verpflichtung / (Rose Nylander)

Der Asphalt singt.
Ein Baum erzählt von Wäldern.
Ein Schornstein raucht
und alles das ist dein.

Man soll es leis‘
ganz leise flüsternd sagen
so leise,
daß du tiefer lauschen mußt;

das hier ist dein.
Vertrauend schläft ein
Kind im Garten ein –
in deiner Hand,
in deiner guten Hand zu sein
Und alles das ist dein.

(Der Schauspieler schließt mit Hilfe der Musiker den Sargdeckel und tragen ihn hinaus.)


Kritiken

FÜRS PARADIES DIE REPUBLIK

Es mag für manchen schon ungewöhnlich sein: die klassische ‚Trikolore und die Fahne mit Hammer – Sichel – Ährenkranz gemeinsam sich blähend. Doch ist das ganz logisch; schließlich geht seit Menschengedenken der Schrei nach »Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit« um in den Köpfen. Erst recht, seit solche sich anschicken, der edlen Idee mittels Revolutionen auf die Sprünge zu helfen: 1789, 1848, 1917/18 und später.

Doch gleichfalls seit Menschengedenken quälen sich die Köpfe mit dem ewigen Widerspruch zwischen Gedanke und Tat – c’est la vie. Und so, aus solchem Stoff, ist Kunst. Und: Das signifikante Detail aus dem konfliktgeladenen Dasein zu erhaschen, ist Sache der Künstler.

Friedrich-Wilhelm Junges Jagdtrupp gelang der kapitale Schuß: Ihr Bock heißt Pierre-Francois Palloy (gest. 1832). Ein pathetischer Naivling, brennend für die Reinheit der Lehre und heilige Feuer entfachend für jene, die sie beschmutzen.
So hackt der fanatisch-emphatische, rührend-rührige Ghostwriter de la Revolution im selbsternannten Auftrag des neuen Staates, der Republik, rigoros die Scheite für die Vernichtung des Abfalls, der beim revolutionären Schnitzen des Neuen Franzosen
leider abfällt.

Nur nein, der total ideologisierte Republikaner verbrennt keine Hexen, er entfacht nur propagandistisch das prima Klima aus durch nichts zu erschütternder Selbstgerechtigkeit und verbissener Verteidigung derselben. – Im ehrwürdigen Wollen des Höchsten schwelt die Verkehrung ins Gegenteil. Der blind engagierte Bürger als potentieller Terrorist – Menetekel klassisch menschlicher, klassisch politischer Tragik.
Als Indiz sieht Hörnigk das Kippen des Pathos der Großen Französischen Revolution, »da ihre Ideologen schon im Jahr darauf das Ereignis als Feierstunde genießen«. – Verklärung kommt vor dem Tod; ob unter der Guillotine oder, später, in den Lagern.

Der tiefe Ernst dieses Palloy-Dramas offeriert sich ganz und gar komisch, so wenig komisch das weltgeschichtliche Wirken Palloys größer dimensionierten Brüdern im Geiste auch ist. Man weiß dies. Und auch Friedrich-Wilhelm Junge weiß es, und erzählt davon artistisch perfekt. Nie gibt er den Palloy-Gestus »Die-Fahne hoch-, die-Reihen-fest geschlossen« auf, und verklappst seine Figur, sondern zeigt sie ohne Zeigefinger. (Regie Carsten Ludwig)
Längst hat dieser Schauspieler sich souverän im Griff, denn Verführungen des (gerade hier besonders) zuckergeilen Affen zu widerstehen. Der Aberwitz, die Groteske, ja Tragik stellen allein sich her durch den Kontext mit den Publikumserfahrungen: Ästhetik des Widerstands, nicht der Klamotte.

Die Szenen aus dem Palloy-Archiv sind das eine, das andere die aus dem Fundus unserer national Dichtkunst. Beides zusammen ergibt die schreckliche, so lustige Collage, die auf originäre Art zum schlüssigen, überzeitlichen, politisch-geistig Zustandsbild nach-revoltionärer Zeiten gerinnt über Länder und Epochen hinweg hinweg….

Reinhard Wengierek, ‚Union‘ Dresden, 3. 7. 89

Cafe Lampenfieber in der Theatermanufaktur

Der Jahrestag oder Das Paradies ist die Republik

Der Dresdner Staatsschauspieler und Kabarettist Friedrich-Wilhelm Junge zieht aus Texten des Bauunternehmers Palloy für die DDR heimtückischen Witz. Dieser Palloy hatte die Erlaubnis erhalten, die Bastille abzureißen, um darauf kleine Sommerresi- denzen für begüterte Leute zu bauen. (eine „Kirschgarten“- Geschichte auf französisch).

Als er sich mit Abrißmaschinen und Mannen zur Bastille begab, schloß sich ihm eine Volksmenge an, die dann die Erstürmung der Bastille spielte, eine Farce, die mit einer Heldentat unter Lebensgefahr nichts zu tun hatte. Aus dem pro-fanen Abriß-Geschäft wurde sehr schnell der symbolische Akt des revolutionären Umsturzes. Und Palloy wurde aus einem handfesten Maurermeister zu einem „Apostel der Freiheit“, der ununterbrochen schwülstige Texte absonderte, mit denen er die Tugend der Republik feierte und die Rituale der Selbstbeweihräucherung entwickelte.

Diese Texte lösen offensichtlich in der DDR wieherndes Gelächter aus. Für die Menschen in der DDR rutschen die Palloy-Republik und die Honnecker-Republik übereinander.

Die Republik über alles

Palloy fordert, daß in den Familien ständig von den gesetzgeberischen Großtaten der Republik gesprochen werde, daß eine einheitliche Erziehung die Liebe zur Republik befördern müsse, daß die Führer der Republik Brudertrunk und Bruderkuß zu tauschen hätten. In „unserer Republik“ DDR kennt man dieses aufgedonnerte, selbstgefällige Pathos zur Genüge.

Und F.W. Junge kontrastiert die Palloy – Texte mit Gedichten aus der DDR, deren eines in den Refrain einmündet:
„Du bis real und trotzdem ein Gedicht.“
Das Westberliner Publikum amüsiert sich, aber es echauffiert sich nicht. Es kann den Witz des Junge-Kabaretts erkennen, aber er geht ihm nicht unter die Haut. Trotzdem sollte Friedrich-Wilhelm Junge in West-Berlin immer wieder will-kommen sein und sein Publikum finden.

kr
Berliner Szene, Theater-Rundschau, Jahrgang / November 1989


Nachbemerkungen

1 Der Ablauf der Pariser Hauptzeremonie auf dem Marsfeld

Das Fest am 8. Juni 1794 in Paris war eine der am akribischsten durchchoreografierten Masseninszenierungen der europäischen Geschichte. Verantwortlich für die visuelle Gestaltung war der berühmte Maler Jacques-Louis David.

  1. Auftakt in den Tuilerien: Das Fest begann im Garten des Tuilerien-Palastes. Robespierre – im himmelblauen Frack und mit einem Strauß aus Kornblumen, Weizen und Früchten – hielt eine feierliche Rede auf einer eigens errichteten Tribüne.
  2. Die Verbrennung des Atheismus: Nach der Rede steckte Robespierre eine riesige Pappmaché-Statue in Brand, die den „Atheismus“ und den „Egoismus“ symbolisierte. Aus der Asche stieg per Seilzug eine unbeschädigte Statue der „Weisheit“ empor.
  3. Die Prozession: Die gesamte Nationalversammlung zog anschließend in einer streng geordneten Prozession zum Marsfeld (Champ de Mars), flankiert von Tausenden weiß gekleideten Bürgern, die Hymnen sangen.
  4. Der heilige Berg: Auf dem Marsfeld hatte David einen künstlichen, riesigen Berg errichtet, auf dessen Spitze ein Freiheitsbaum stand. Die Abgeordneten des Konvents bestiegen den Berg, während Chöre patriotische Lieder sangen und Artilleriegeschütze abgefeuert wurden. Das Fest sollte die absolute Harmonie zwischen Volk, Natur und Staat demonstrieren.

2 Analyse der Rousseau-Einflüsse auf Robespierres Tugend-Ideologie

Maximilien de Robespierre sah sich selbst als den vollstreckenden Arm“ von Jean- Jacques Rousseau. Er nutzte Rousseaus philosophische Konzepte aus dem  Gesellschaftsvertrag und dem Émile, radikalisierte sie jedoch für die Schreckensherrschaft:

Der Allgemeine Wille (Volonté générale): Rousseau argumentierte, dass in einem idealen Staat der Wille der Gemeinschaft über dem Einzelinteresse steht. Wer sich dem allgemeinen Willen widersetzt, muss laut Rousseau dazu gezwungen werden, frei zu sein“. Robespierre leitete daraus ab, dass Abweichler und Kritiker der Revolution legitimerweise vernichtet werden dürfen, um die kollektive Freiheit zu schützen.

Tugend als politische Pflicht: Rousseau schrieb im ÉmileEs gibt kein Glück ohne Mut, noch Tugend ohne Kampf.“ Robespierre machte daraus eine mörderische Staatsformel. Er proklamierte: „Die Triebkraft der Volksregierung in der Revolution ist die Tugend und der Schrecken: Die Tugend, ohne die der Schrecken verhängnisvoll, der Schrecken, ohne den die Tugend ohnmächtig ist.“

Die Zivilreligion: Rousseau forderte im letzten Kapitel des Gesellschaftsvertrags eine rein bürgerliche Religion, die den Zusammenhalt stärkt. Genau dies setzte Robespierre mit dem Kult des Höchsten Wesens praktisch um, um Moral staatlich zu verordnen.


Jean-Paul Marat gilt neben Maximilien de Robespierre als der intellektuelle Wegbereiter und Agitator, der den staatlichen Terror während der Französischen Revolution als notwendiges Mittel zur Rettung des Vaterlandes legitimierte. Während Robespierre die Schreckensherrschaft (la Terreur) staatsrechtlich ausführte, bereitete Marat als radikaler Journalist und Verleger der Zeitung L’Ami du peuple „Der Volksfreund“) den psychologischen und ideologischen Boden dafür.

Warum Marat den Terror als „notwendig“ erfand
Gewalt als Schutz
: Marat war überzeugt, dass die Errungenschaften der Revolution nur durch die physische Vernichtung ihrer Feinde (Adel, konterrevolutionäre Kräfte, gemäßigte Girondisten) geschützt werden können.

Das Konzept der Tyrannei: Er forderte eine vorübergehende, „diktatorische“ Gewalt des Volkes, um die Tyrannei des alten Regimes dauerhaft zu brechen. 

Kollektive Paranoia: Durch seine Brandbriefe schürte er systematisch das Misstrauen gegen vermeintliche Verräter und Spione, was im September 1972 direkt zu den brutalen Septembermassakern beitrug.

Das Tribunal als Konsequenz: Seine unerbittlichen Forderungen nach Blutvergießen führte letztlich zur Institutionalisierung
des Revolutionstribunals und dem Gesetz über die Verdächtigen(Siehe Wiki)


3 Jules Michelet (1798 – 1874), Französischer Historiker 

Aus: „Geschichte der Französischen Revolution II“ (Verlag: Zweitausendeins.de / (III. Kapitel, S. 663 u.f.)

DRITTES KAPITEL

Der Prozess gegen Danton (2. und 3. April 1794)
Tod Dantons, Desmoulins‘ (4-5. April, 15-16. Germinal)

Bewunderung der Russen für Robespierre. – Die Robespierristen haben ihre Feinde überlebt. – Sie beherrschen noch immer das Volk. – Die Lebenskraft der Republik wurde im April zerstört. – Beginn des Prozesses (2. April). – Verlegenheit des Staatsanwalts und des Vorsitzenden. – Der einzige Zeuge; sein Zeugnis wird verstümmelt. – Man verweigert dem Angeklagten die notwendige Kenntnis der Akten. – Danton klagt die Ankläger an. – Seine Rede vom 3. wird verstümmelt und entstellt. – Man entzieht ihm das Wort. – Die Geschworenen sind geteilter Meinung. – Der Prozess soll erstickt werden. – Verfügung gegen die Angeklagten – Die Nacht vom 4. zum 5. April. – Die letzten Augenblicke Dantons und Desmoulins‘.

„Dieser gefährliche Danton wurde tatsächlich von Robespierre in die Versenkung befördert.“ 

Dies Wort stammt von einem unversöhnlichen Girondisten, von Riouffe, später großer Reaktionär und Unterpräfekt während des Kaiserreiches. Er hatte sichtlich seine Freude an dem Ereignis und verfehlt nicht, die Lüge hinzuzufügen, die Dantonisten seien in ihrem Unglück nur mit sich und nicht mit dem Vaterlande beschäftigt gewesen.

Noch naiver äußern die Royalisten ihre Freude, als sie das unwahrscheinliche Wunder sehen und mit Händen greifen konnten: Dantons Ankunft in den Gefängnissen. Danton von Robespierre getötet; die Republik von der Republik erwürgt (vgl. „Memoires sur les prisons“).

Dies Gefühl war allen Gegenrevolutionären Europas gemeinsam. Ein sehr intimer Vertrauter der kaiserlichen Familie in Rußland, der Historiker Karamsin, der heimlich nach Paris gesandt worden war, vielleicht um das Bündnis mit den Polen zu verhindern, war von Bewunderung erfüllt für Robespierres Tüchtigkeit. Der Würger der Parteien besaß seitdem seine ganze Achtung. Und als er, nach Petersburg zurückgekehrt, von dem Ereignis des 9. Thermidor erfuhr, vergoß er heiße Tränen.

Wenn die Priester und die Könige in ihrer amtlichen Sprache den Führer der Jakobiner verfluchen, so ist das ihre Rolle; es ist ihr Geschäft, sie müssen so sprechen. In ihrem Innern sieht es ganz anders aus. Der Mann, der Clootz und Chaumette, die Pariser Kommune, tötete, und der den neuen Altar zerbrach, schuf sich damit einen ewigen Ruhmestitel bei der Geistlichkeit. Und der Mann, der Danton und Desmoulins tötete, die Stimme der Republik und das Leben der Bergpartei, verdiente damit allein die Dankbarkeit der Könige.
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Robespierres Streben nach der Alleinherrschaft und sein Sturz,

Alle Regierungen sind Brüder, und Robespierre bedeutete eine Regierung.
Daraus folgte zweierlei:
Die Überlieferung in Europa ist ihm günstig geblieben, als dem Manne, der die Revolution umgestaltete.
Und die revolutionäre Überlieferung ist ihm günstig geblieben, als dem Manne, in dem die Regierung der Republik
verkörpert war.
Wer tötete die Republik? Seine Regierung. Die Form vernichtete den Inhalt, sie suchte Ordnung und Ruhe in der
Vertilgung der lebendigen Kräfte. Sie zerbrach zugleich die Freiheit und das Gewissen. Aber gerade das sicherte ihr die
wärmsten Verteidiger in der Zukunft. 
Alle die Leute, die aus Fanatismus oder Feigheit mit diesen Taten einverstanden waren, sind Robespierres gefällige
Advokaten gewesen.
Die Dantonisten einerseits und anderseits Clootz, Chaumette und die Kommune von Paris sind alle zugleich verschwunden.
Mehrere, die in ihrem freudlosen Greisentum wegen der Nachwelt unruhig wurden, haben,  bis sie beinahe hundert Jahre alt waren, an der Verleumdung arbeiten, die Schriftsteller beraten, in der Nacht des Irrtums das Andenken ihrer Opfer vermauern können.
Ein Hebertist und ein Robespierrist, Choudieu und Levasseur, zwei achtzigjährige Greise, haben gemeinsam ihren Kampf
gegen Philippeaux fortsetzen, die unbestreitbare Wahrheit leugnen, Kleber, die Augenzeugen und die beweiskräftigen Urkunden Lügen strafen können. Und über Danton und Desmoulins haben jene Orakel, die man immer befragte, nach Gefallen Lügen verbreitet, ein Barere, der die beiden auslieferte, ein Souberbielle, der den Richtspruch fällte.
Und als Gipfel des Ganzen haben die Katholiko – Robespierristen, die Schule von Babel, begeistert darüber, das Gedächtnis der Ungläubigen abschlachten zu können, einfach alles in Verwirrung gebracht.

Während der ganzen Revolution hat den Robespierristen ein unverändertes Verfahren dazu gedient, ihre Feinde zu vernichten:
es war stets dieselbe Anklage. Gegen Jacques Roux — Diebstahl. Gegen Hebert — Diebstahl. Gegen Fahre – Diebstahl. 
Gegen Danton – Diebstahl. In den Tagen von Robespierres Untergang war die Reihe an Cambon, der von jenem am 8. Thermidor „Betrüger“ genannt wurde.
Der Sturz der Republik datiert für mich nicht vom Thermidor, wo sie nur ihre äußere Form verlor, sondern vom März und April, wo sie ihre Lebenskraft verlor, wo der Geist von Paris mit der Kommune verschwand, wo die Bergpartei erlag unter dem Terror der Rechten, wo die Tribüne, die Presse und das Theater mit einem Schlage abgetan wurden.
Am 2. April, um elf Uhr, führte man die Angeklagten herein. Der Schrecken, den sie einflößten, äußerte sich in der Maßregel,
daß man (etwas ganz Neues) für die Sitzungen zwei öffentliche Ankläger bestellt hatte. Man hatte kein genügendes…
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Der Prozeß gegen Danton — Tod Dantons, Desmoulins usw.

Vertrauen zu Fouquier-Tinville, der ein Verwandter Camille Desmoulins‘ war unddurch diesen seine Stelle erhalten hatte.
Wie viele der Richter und Geschworenen,

dieser Revolutionäre zweiten Grades, war auch Fouquier ein Schutzbefohlener und Geschöpf derer, die er töten sollte. Um ihm zu helfen, oder vielmehr, um ihn zu überwachen, gab man ihm Fleuriot zum Gehilfen, einen der Strohmänner Robespierres, der durch diesen bald Bürgermeister von Paris wurde.
Die mörderische Absicht des Prozesses trat schon in der künstlichen und hinterlistigen Anordnung auf der Anklagebank zutage. Man hatte Danton und Herault neben den schmutzigen Delaunay gesetzt; Fabre neben Chabot und Lacroix; den untadeligen Philippeaux neben den Wucherer d’Espagnac. Die beiden Deutschen Frey, der Spanier Gusman, der Däne Deideriksen waren da, damit bei dem Prozeß der Schein gewahrt blieb und das Stichwort gerechtfertigt wurde: „Verschwörung des Auslands.“

Als Danton so zwischen seinen Schachern eintrat, wallten die Herzen der Patrioten auf. Ein Gerichtsschreiber, Fabricius Paris, vergaß jede Scheu und Furcht, eilte quer durch den Saal zur Anklagebank und warf sich schluchzend Danton an den Hals. Ganz nahe bei den Sitzen der Richter, bei dem milden und düsteren Herman, stand der Schalter, hinter dem Nicolas, der Drucker des Tribunals, saß, weit offen, und daraus starrten, sprühend im Halbdunkel, die gierigen und zornigen Augen der Mitglieder des Sicherheitsausschusses; mehrere von ihnen waren hier, um ihren Eifer zu beweisen, um zu zeigen, daß sie sich nicht auf Spione verlassen, sondern selbst die Sache überwachen und zusehen wollten, wie ihre Leute arbeiteten.
Daß sie arbeiteten, war ein Rätsel. Fouquier hatte weder Akten noch Zeugen (mit Ausnahme eines gegen Fahre). Der Ausschuß gab ihm kein Material, und dabei sagte er: „Macht zu!“ Was hatte also der arme Fouquier zu bieten? Seine persönliche Überzeugung?
Ich zweifle daran. Noch in diesem Monat hatte er heimlich mit zwei Freunden Dantons gespeist. Um den Mangel an Beweisen durch den Reichtum an Worten zu ersetzen, ließ er zuerst den langen Redeschwall Amars gegen die Wucherer verlesen und schließlich die wilden Schmähungen Saint-Justs. Zwischen diesen beiden umfangreichen Stücken schob er rasch seine eigene magere Arbeit ein, in der er, bei dem heißen Bemühen, etwas eigenes dazuzutun, nichts zustande brachte, als den Unsinn, Chabot sei „nicht anständiger als Camille Desmoulins“. Er setzte sich.
Da bemerkte man, daß man zwei Angeklagte vorzuführen vergessen hatte: Lhuillier, den man freisprach (weil man sich seiner bediente und weil er sich mit Gewissensbissen quälte) und Westermann, der mit Marceau zusammen die Vendee (!) besiegt hatte.
„Euer Name? Euer Alter? Eure Wohnung?“ — „Ich heiße Danton und bin fünfunddreißig Jahre alt. Meine Wohnung wird morgen das Nichts sein; mein Name wird bleiben im Pantheon der Geschichte.“
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GEDÄCHTNIS

Der Mann, der Köpfe rollen ließ

Unbetrauert starb der Mann, der die Französische Revolution aus ihren konstitutionellen Anfängen bis zum Massenmord und zur totalitären Demokratie vorangetrieben hatte. Wie kein zweiter unter den Protagonisten verkörperte Maximilien Robespierre den totalitären Tugendterror und die messianische Neuschöpfung von Raum und Zeit, von Mensch und Politik. Es gab nur Freund oder Feind, Revolution oder Konterrevolution. Wer sich ihm nicht anschloss, war dem Tode verfallen – bis er selbst unversehens allein stand und von seinem jähen Ende überrascht wurde.

Robespierre wurde heute vor 250 Jahren in der nordfranzösischen Provinzstadt Arras in ärmliche Verhältnisse hineingeboren. Dem königlichen Frankreich und seinem Bildungsenthusiasmus hätte er dankbar sein können für das Stipendium nach Paris ans berühmte Gymnasium Louis le Grand, benannt nach dem Sonnenkönig Ludwig

XIV. Stattdessen schärfte der Vergleich seiner Lebensumstände mit denen seiner Mitschüler nur Selbstmitleid und Sozialneid des Außenseiters. Er wurde Advokat, doch ohne viel Erfolg, und erwarb sich erst einen Namen als einer jener zahlreichen Intellektuellen, die in der politischen Halbwelt zwischen Salon und Gosse lebten und von einer radikal anderen Welt der Freiheit und Gerechtigkeit träumten und bereit waren, dafür die alte Ordnung einzureißen. Kritik und Krise der monarchischen Ordnung wurden ihm zum Lebensinhalt.

Während alle Versuche der Reformer wie Turgot scheiterten, durch Revolution von oben der Revolution von unten noch zuvorzukommen, kam die Stunde der radikalen Weltveränderer mit den Hungerjahren seit 1786, mit Arbeitsmangel, Überschuldung des Staates und Hilflosigkeit der Krone.

Niemand ist so gründlich und so unerbittlich wie Robespierre zum Revolutionsunternehmer geworden: Er wurde zu den Generalständen gewählt und nutzte das Parlament, um von der Reform zur Revolution zu treiben. Robespierre gehörte zu denen, die im Krieg gegen die Außenwelt und die alteuropäischen Mächte die Dynamik erkannten, die Revolution zu radikalisieren. Während andere sich rechts und links an Kirchengut, Adelsgut und Krongut bereicherten, ließ Robespierre sich feiern als „L’incorruptible“, der Unbestechliche, den nichts abbringen konnte von seiner Mission. Die Guillotine pries er als „Sichel der Gleichheit“. Seine Machtbasis waren die städtischen Massen und die revolutionären Vollversammlungen der Stadtviertel. In seinem Entwurf der „totalitären Demokratie“ (Jakov Talmon) erkennt man schon die Umrisse der Revolutionen des 20. Jahrhunderts.

Revolutionen aber haben die Gewohnheit, ihre Kinder zu fressen, so auch Robespierre. Als alle Güter umverteilt waren und die Revolutionäre etwas zu verlieren hatten, wollte Robespierre noch einmal, wie der späte Mao, die permanente Revolution, mit ihm als unumschränktem Führer. Da taten sich die Gemäßigten zusammen. Ein Schuss traf und lähmte ihn. Man legte den Sterbenden auf einen prachtvollen Schreibtisch aus königlichem Inventar. Abends wurde er noch unter die Guillotine geschleppt. In der Bibliothèque Nationale zeigt man heute noch den Schreibtisch, das vergoldete Leder durch dunkle Flecken verunziert. Es soll das Blut des Maximilien Robespierre sein.

Von Michael Stürmer
Veröffentlicht am 06.05.2008 / Die Welt