Salute Organon 2013

Deine Gesundheit 2, Salute Organon!
EIn Organ zu spenden – oder nicht – hat tiefe Gründe

Video-Performance – Symposium
Premiere: Mittwoch, 17.04. 2013

Eine Produktion von Carsten Ludwig und Renè Liebert
in Kooperation mit dem riesa efau Kultur Forum Dresden

Man hört dies und das und macht sich daraus seinen Reim, denn für gewöhnlich liegt das Ereignis in weiter Ferne; dann aber gibt es plötzlich einen Ruck… Ein Organ versagt. Ein Sohn wird bei einem Unfall schwer verletzt. Was tun? In kürzester Zeit müssen Entscheidungen getroffen werden. Am Kreuzweg gibt es letztlich nur ein Ja oder Nein.
Schwieriges Terrain. Vor allem, wenn es um die Frage geht: Wie Tod ist der Mensch, der für eine Explantation in Frage kommt? Hier spalten sich die Geister. Befürworter und Kritiker stoßen aufeinander.

Beide mit schwerwiegenden Argumenten:
Das ist Mord!“ / „Nächstenliebe“
Organhandel / „Der andere existiert in mir fort“
Geschäft“ / „Ich möchte nicht Sklave meiner Krankheit sein“
„Egoismus“ / „Ich möchte leben“
Persönlichkeit beschränkt sich nicht aufs Gehirn“ / „Mit der irreversiblen Zerstörung von Groß-, Klein- und Stammhirn verliert der Mensch seine Persönlichkeit“

Ein Dilemma!
Eventuell finden Sie aus These versus Antithese für sich eine Synthese.

Initiatoren / Realisation: Carsten Ludwig und René Liebert
Mitarbeit: Angehörige, Transplantierte, Ärzte, Pfleger, Geisteswissenschaftler, 
Neurologen des Dresdner Uniklinkum Carl Gustav Carus

Gefördert durch: die Kulturstiftung Sachsen, der Landeshauptstadt Dresden und riesa efau Dresden.

TEILNEHMER AM VIRTUELLEN SYMPOSIUM.

Marion Strauß  (Mutter von Martin; bei einem Unfall an einer Kopfverletzung verstorben)

Transplantierte
Annegret Bresch  (Niere)
Jens Dierchen  (Niere)
Bernd Kunert  (Herz)
Klaus Michel  (Niere)
Johannes Schmidt  (Lunge)
Peter Walter  (Herz)
Karsten Zeh  (Herz)

Beobachter
Ute Puschmann  (Krankenschwester)
Katrin Seidel  (Geschäftsfrau)
Günter Starke  (Fotograf)

Ab 00:35:40
Pfarrer Turek gibt zu bedenken, dass man „in Deutschland deshalb nicht zugeben kann vom sterbenden Menschen zu sprechen, was in anderen Ländern längst anerkannt wird, weil die „Gründungsväter und Mütter des Grundgesetzes großen Wert darauf gelegt haben, dass die Würde des Menschen unabstufbar ist… also nicht in Menschen die mehr Würde haben als andere, wie sie uns das Dritte Reich mit Schrecken vor Augen geführt hat.“

Rolf-Michael Turek  (Philosoph und Pfarrer am Universitätsklinikum Leipzig)
Dr. Hauke Schneider  Neurologe am Universitätsklinikum Dresden
Nils-Horst Hildebrandt  Koordinator der DSO (Deutsche Stiftung für Organspende)

Sprecher – Antike Prolog
Opernstudio der Hochschule „Carl Maria von Weber“: Isabel Jantschek /Sarah Kaulbarsch / Henrik Marthold / Martin Schicketanz / Tonaufnahme: Andrej Bavschenkow 

Kamera-Aufnahmen / Bearbeitung – Renè Liebert
Fotographie & Film-Einblendungen Christine Starke & Günter Starke

BESONDEREN DANK für Beratung
Frau Dr. Phil. Ingrid-Ulrike Grom und Pfarrer i.R. Rolf-Michael Turek – Akademie für Palliativmedizin Dresden 
Frau Dr. med. Christa Wachsmuth (DSO Leipzig)
Universitätsklinikum Gustav Carus Dresden; Neurologie / Neurochirurgie

Dank an die Organisatoren und Mitarbeiter des riesa efau Kulturforums

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Die im Video eingeblendeten Fragen

1 Endlichkeit – wann haben Sie zum ersten Mal darüber nachgedacht dass Sie sterblich sind?

2 „Der Tod ist nur ein Form- Wandel der Materie“ Friedrich Engels / Dialektik der Natur

3 Wird der Mensch / zunehmend / künstlich?

4 „Denn alles was entsteht / ist werth, dass es zu Grunde geht“ / Goethe 

5 Möchten Sie / 300 Hundert Jahre / alt werden? 

*

O Fortuna / Carl Orff: Carmina Burana 

1
O Fortuna velut Luna
statu variabilis,
semper crescis aut decrescis; 
vita detestabilis 
nunc obdurat et tunc curat 
ludo mentis aciem, 
egestatem, potestatem 
dissolvit ut glaciem. 



2
Sors immanis et inanis,
rota tu volubilis,
status malus vana salus
semper dissolubilis,
obumbrata et velata
michi quoque niteris ;
nunc per ludum dorsum nudum fero tui sceleris. 

3
Sors salutis et virtutis
michi nunc contraria
est affectus et defectus
semper in angaria.
Hac in hora sine mora
corde pulsum tangite ;
quod per sortem sternit fortem, 
mercum omnes plangite ! 

Schicksal, wie der Mond dort oben, 
so veränderlich bist Du, 
wächst Du immer oder schwindest!- 
Schmählich ist das Leben hier! 
Erst misshandelt, dann verwöhnt es 
spielerisch den schwachen Sinn. 
Dürftigkeit, Grossmächtigkeiten,
 schmilzet es, als wär’s nur Eis. 



Schicksal, ungeschlacht und eitel, 
bist ein immer rollend Rad: 
schlimm Dein Wesen, Glück als Wahn bloss, 
fort bestehend im Zergehen! 
Überschattet und verschleiert 
überkommst Du gar auch mich. 
Durch Dein Spiel mit schierer Bosheit 
trag ich meinen Buckel nackt. 

Wohlergehen, rechter Wandel 
sind zuwider mir zurzeit. 
Wie mein Will’, so meine Schwäche 
finden sich in Sklaverei. 
Drum zur Stunde ohne Säumen 
greifet in die Saiten Ihr! 
Dass das Schicksal auch den Starken 
Hinstreckt: Das beklagt mit mir! 

Kritiken

Kunst mit Herzschlag  DNN 17.April 2013

Ein empfehlenswerter Video-Abend zum Thema Transplantation in der Dresdner Motorenhalle
Es geht um das Leben, es geht um das Herz, es geht um den Tod. Es geht um die Fragen, wann 
das Leben beginnt, was es ist, wann es zu Ende ist und um welchen Preis es zu verlängern ist.
Der Ort könnte nicht trefflicher gewählt sein, die Motorenhalle in der Dresdner Friedrichstadt, 
davor eine Baustelle, daneben das Krankenhaus,an der Ecke der Getränkeshop und gegenüber das soziokulturelle Zentrum. In der Halle werden längst keine Motoren mehr gefertigt, es sei denn, 
man hält die der Kultur, die jetzt hier ihre Kraft entfalten, für solche der anderen Art, die mit ihren Antriebskräften Leben ermöglichen. Jüngstes Beispiel ist die Videoinstallation „Salute, Organen!“ 
von Carsten Ludwig und Rene Liebert als Teil zwei der Reihe „Deine Gesundheit“.

Zunächst für alle, die beim Begriff „Videoinstallation“ an verwackelte und bis zur Unkenntlichkeit verwischte Spiele mit der Handkamera denken und Unlust verspüren: Entwarnung! 
Hier beobachtet die Kamera genau, wir sehen Menschen, wir verstehen was sie sagen, sie sehen 
uns an. Das ist alles andere als langweilig. Aber zunächst geht es in Bild und Ton weit zurück, 
in die Antike, in die Mythologie. In einer heiteren Sprachcollage erfahren wir von der Geburt 
des Dionysos, dem Sohn des Zeus, der zweimal geboren wurde.
Dann harter Schnitt, wir sind in der Gegenwart. Eine Frau berichtet vom Unfall ihres Sohnes, 
von dessen klinischem Tod und von ihrer Einwilligung, sein Herz explantieren und einem anderen Menschen implantieren zu lassen. Am Ende wird sie davon sprechen, was es für sie bedeutet zu 
wissen, dass etwas von ihrem Sohn weiterlebt. 

Ein Mann berichtet, dass er seit 15 Jahren neben seinem „richtigen“ Geburtstag auch seinen „Nierengeburtstag“ feiert, mit der Nierentransplantation wurde er zum „zweiten Mal geboren.
Andere könnten es sich nicht vorstellen, dass fremde Menschen etwa mit den Augen ihrer Töchter 
oder Söhne sehen, dass deren Herz in ihnen schlägt. Andere machen sich Sorgen aus Verantwortung, 
ob es überhaupt vertretbar ist, einem anderen Menschen mit dem eigenen Organ das weitere Leben zu ermöglichen. Ist denn dann überhaupt noch „sein“ Leben, oder übernimmt er deren Funktionen? 
Kann man die Funktion eines menschlichen Organs von der Seele dessen, dem es gehörte, trennen?
Und die Fragen werden härter an diesem Abend. Wann ist der Mensch tot? Der Mediziner erläutert sachlich die Art und Weise, wie der klinische Tod festgestellt werden muss, da gibt es Gesetze, da möchte man zustimmen, wenn klar unterschieden wird zwischen „Existieren“ und „Leben“. 
Aber schon ist die nächste Frage da, die nächste Unsicherheit, ob denn die Entnahme des lebendigen Organs nicht ein Totschlag sei, der Prozess des Sterbens, der zum Leben gehört, vorzeitig abgebrochen werde.
Manche Gesprächspartner argumentieren betont sachlich, ganz ohne Emotionen geht es bei keinem. Andere lassen Zweifel und Verunsicherungen zu, religiöse Bindungen spielen eine Rolle,
vor allem aber eigene Erfahrungen, Betroffenheit. Manche können es sich vorstellen, 300 Jahre alt zu werden, anderen ist es wichtig, mit dem Wissen um die Endlichkeit täglich umgehen zu müssen, für manche geht es weiter nach dem Tod, anders, aber eben weiter.

Hinter den beiden schmalen, aufeinander zu laufenden Leinwänden, von denen uns die Gesprächs-
partner, Angehörigen, Transplantierten, Ärzte, Pfleger und Geisteswissenschaftler ansehen
und ansprechen, sehen wir einige von ihnen manchmal im Film bei alltäglichen Verrichtungen. Eindrücklich sind die Projektionen der großformatigen Fotografien von Christine und Günter Starke,
die uns an andere Orte der industriellen und menschlichen Vergänglichkeit führen. 
Wie ein Motor setzt Musik aus Carl Orffs „Carmina Burana“mit dem aufpeitschenden Gesang über
die Unerbittlichkeit des Schicksals sinnliche Zäsuren.

Und dann steigt so langsam ein appetitanregender Duft in die Nase. Woher kommt der? 
Erst ganz am Ende, wenn es wieder hell wird in der Motorenhalle, kann man sehen, da stehen zwei altmodische Kochplatten, auf denen köchelt Suppe. Hat dieser Abend, an dem es so intensiv 
um Tod und Leben geht, nicht am Ende doch ganz großen Appetit auf das Leben gemacht?

Boris Michael Gruhl
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Gastspiel 2014 Schaubühne Lindenfels


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01:18:47 Ein künstlicher Herzmuskel bei der Arbeit in einer Petri-Schale